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Bad Lieutenant - Cop ohne Gewissen

Bad Lieutenant - Cop ohne Gewissen

Ein Film von Werner Herzog

Bereits mit seinem Vietnam-Drama Rescue Dawn (2006) hatte sich Werner Herzog dezent von seiner Arthouse-Vergangenheit gelöst und mit Christian Bale, Steve Zahn und Jeremy Davis erstmals den Kontakt zu einer neuen Schauspielergeneration gesucht, ehe er dann mit Encounters at the End of the World einen typischen – und den vielleicht besten - Herzog-Film nachfolgen ließ. Beruhte Rescue Dawn dabei noch auf der werkimmanenten Dokumentarfilmvorlage Flucht aus Laos, stieß der visionäre Regisseur zum Remake von Abel Ferraras Bad Lieutenant aus dem Jahre 1992 erst hinzu, als das Drehbuch bereits in trockenen Tüchern war. Die Initialzündung ging dabei von Producer Alan Polsky aus, der sowohl Herzog als auch Nicolas Cage ins Boot holte. Dabei sollte die Vorlage auf kommerziell gebürstet und von ihrem essayistischen Erzählstil befreit werden und gleichzeitig, laut Aussage Polskies, weniger düster ausfallen. Dass sich der 2009 für den Goldenen Löwen nominierte Film dennoch zu einer eigenständigen, intensiven und streckenweise schwarzhumorigen Reise durch das vom Sturm gezeichnete New Orleans und dessen Abgründe entwickelt hat, ist dann aber doch dem Einfluss von Herzog zu verdanken, der, so Polsky, eine Menge skurriler Details dem Drehbuch nachträglich hinzugefügt hatte. Diese pointierten und trockenhumorigen Brüche sind es dann auch, die Bad Lieutenant als einen lupenreinen und eigenwilligen Herzog ausweisen
, der obendrein einen zu neuer Stärke gefundenen Nicolas Cage präsentiert.

New Orleans nach der verheerenden Katrina-Katastrophe: Der korrupte und drogenabhängige Cop Terrence McDonagh rettet - mehr oder weniger beherzt - einen übersehenen Sträfling aus dem überfluteten Gefängnistrakt und kassiert dafür eine Beförderung zum Lieutenant. Die Tragik an der Geschichte: Bei der Rettungsaktion verletzt sich der Drogenfahnder nachhaltig am Rücken, was ihn zu einem Stammkunden des Schmerzmittels Vidocain macht - der Arbeitsalltag sorgt nebenbei für eine gesicherte Versorgung mit Crack, Weed und anderen Muntermachern. Liiert ist der Junkie mit der Prostituierten Frankie (Eva Mendes), die seine Neigung zum Leben auf der Überholspur teilt. Das prekäre Lebensgleichgewicht der beiden gerät bald gehörig ins Wanken, als McDonagh mit der Aufklärung des kaltblütigen Mordes an einer afrikanischen Einwandererfamilie beauftragt wird...

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Das Szenario ist auf den ersten Blick harter Toback. Der Fahndungsalltag im bunten New Orleans ist ein Sündenpfuhl aus Korruption, Sex und Gewalt. In dieser Hinsicht unterscheidet sich auch das Remake nicht von gewohnter Genre-Kost oder gar seiner Vorlage. Doch wo vergleichbare Formate immanent einen moralischen Kurs fahren, geht Herzog wie gewohnt andere Wege: Das Spiel mit der Gut/Böse-Unterscheidung interessiert den filmischen Dekonstruktivisten nicht im Geringsten. Und so sind es die bereits angesprochenen Brüche, die Herzog geschickt an den richtigen Stellen einbaut, die Finkelsteins Drehbuch vor dem moralischen Absaufen bewahren. Ein Beispiel dafür ist Herzogs Faible für tierische Motivik, die immer wieder für eine beinahe absurde Situationskomik sorgt, seien es nun heiter choreografierte Sequenzen mit Leguanen in McDonaghs Büro, ein durch die Rohre von New Orleans stalkendes Krokodil oder ein Labrador, der den überforderten Fahnder zusätzlich auf Trab hält. Man mag nur spekulieren, wie das Drehbuch vor Herzogs beherzter Intervention ausgesehen haben mag – zweifellos gelingt es dem Regisseur aber spielend, Bad Lieutenant seinen ganz eigenen Stempel aufzudrücken und diesen konzeptionell einzufärben. Die teils fast joviale musikalische Untermalung tut ihr Übriges.

Herzogs räudiger Fahnder ist keine moralische Figur. Motive existieren in Bad Lieutenant ausschließlich, um sie im nächsten Schritt ad absurdum zu führen. Der Cop ohne Gewissen – so der unglücklich holprige Untertitel der deutschen Fassung - wird in erster Linie von einem Worst-Case–Szenario ins nächste geworfen und rettet sich eher mit einer gehörigen Portion Glück immer wieder über den Tag. Die Handlung des Films folgt dabei weniger dem läuternden Prozess einer Selbstfindung, sie ist auch nicht in negierender Weise amoralisch, sondern entzieht sich stets aufs Neue vollständig ihren moralischen Implikationen. Ebenso zynisch bringt das Drehbuch seine Figurenkonstellationen zum Abschluss. Dabei wird tief in der psychoanalytischen Wunderkiste gewühlt, um dem Zuschauer dann den Deckel vor der Nase zuzuknallen: Die gedankliche Rückkehr in die gutbürgerliche Kindheit des Protagonisten wird zur verzweifelten Schatzsuche stilisiert und schließlich mit einem rostigen Löffel konterkariert, was sich als ironisch-sentimentales Spiel erweist, die Figuren aber nicht zur Katharsis führt. Brüche tun sich sukzessive auf – nicht um verarztet, sondern um vom Fortgang der Geschichte überrannt zu werden. Eine weitere gute Nachricht: Diese formelle Raffinesse hat in Nicolas Cage eine, im wahrsten Sinne des Wortes, tolle Entsprechung gefunden.

Dem inzwischen fünfundvierzigjährigen - und zuletzt sehr blass agierenden - Cage entlockt Herzog die Performance seiner Karriere. Oder wie Herzog selbst gewohnt trocken auf die Frage kommentierte, ob er denn bereits selbst Erfahrungen mit Drogen gemacht habe: Persönlich gar keine, ich lehne die Drogen-Kultur ab. Das geht so weit, dass ich dachte, Nicholas Cage nimmt im Film tatsächlich von dem Zeug. Das sah so überzeugend aus, so real. Ich habe sogar zu unserem Mann für Spezialeffekte gesagt: `Stoppt sofort das Kokain.` Und dann sagte man mir, es war nur Zucker oder sowas.” - Over-Acting gerät bei Cage zum positiv konnotierten Begriff, denn ohne ein solch akzentuiertes Schauspiel hätte Bad Lieutenant trotz aller pointierten Brechung einen schweren Stand. Und so inkorporiert Cage seine Rolle mit einer nicht gekannten Expressivität und schaukelt den Wechsel zwischen extravertiertem Grenzgänger und deliriösem Wrack mit Bravour. Neben dieser filmtragenden One-Man-Show wirken dann sowohl Eva Mendes als auch Val Kilmer beinahe wie Statisten, auch wenn ihre Auftritte keinen Grund zur Kritik geben.

Kurz und knapp: Herzog ist erfolgreich im erweiterten Mainstream gelandet, ohne dabei das Flugzeug zu wechseln. Bad Lieutenant ist eine großartige Crime-Groteske, die ihre dramatischen Züge immer wieder mit derb-komischen Zerrbildern zu brechen vermag und deren zentrale Figur bis in die darstellerischen Fußspitzen ironischer Natur ist. Bad Lieutenant verweigert sich damit einer Lesart als klassische Charakterstudie konsequent. Diese raffinierte Distanz nimmt bisweilen eine beinahe tarantino’esque Form an, wenn Cage nach einem Slow-Motion-Schusswechsel drogengeschwängert fordert: Shoot him again! His soul is still dancing! - und Herzog die entsprechend groteske Visualisierung dazu liefert, ohne dabei ins Komödiantische abzurutschen. Bad Lieutenant ist bissig, zynisch, derb und gänzlich ungezwungen. Und Herzog ist auch an der Leine eines fremden Drehbuchs kaum zu bändigen.

Eine Rezension von Florian Schulz
(21. Dezember 2009)
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Daten zum Film
Bad Lieutenant - Cop ohne Gewissen 2009
(Bad Lieutenant: Port of Call New Orleans)
Regie Werner Herzog Drehbuch William Finkelstein
Produktion Edward R. Pressman Kamera Peter Zeitlinger
Darsteller Nicolas Cage, Eva Mendes, Val Kilmer, Brad Dourif
Länge 122 Minuten FSK
Kinostart Deutschland: 25. Februar 2010
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