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Die Zwölf Stühle

Die Zwölf Stühle

Ein Film von Tomás Gutiérrez Alea

DIE ZWÖLF STÜHLE ist eine sehr freie Adaption des gleichnamigen russischen Romanklassikers von Ilja Ilf und Jewgeni Petrow. Der satirische Roman, veröffentlicht 1928, erzählt eine universelle Geschichte um Gier nach materiellem Wohlstand, der Trauer nach einer besseren Vergangenheit und den Egoismus des Menschen. So erfährt ein verarmter Adeliger im Russland nach der kommunistischen Revolution von seiner Schwiegermutter – die im Sterben liegt – das diese die unermesslich wertvollen Juwelen der Familie in einem von zwölf Stühlen der gleichen Garnitur versteckt hat. Im Zuge der revolutionären Umwälzungen wurden die Stühle jedoch beschlagnahmt und in alle Richtungen verstreut. Die verzweifelte Suche nach diesem Schatz kulminiert in einem galligen Finale, das ein pessimistisches Menschenbild entwirft. Die Rahmenhandlung kann beliebig in jedes nur erdenkliche Setting verlegt werden und funktioniert auch außerhalb des politischen Zusammenhangs. Dementsprechend oft wurde der Roman verfilmt und dabei mal mehr mal weniger kreativ variiert. 1938 gab es bereits ein Lustspiel mit Heinz Rühmann und Hans Moser in den Hauptrollen, 1970 adaptierte der noch junge und dynamische Mel Brooks den Roman für eine exzellente Komödie, die zwar auch im Russland nach der Revolution spielt, aber weitestgehend den politischen Zusammenhang ausklammert und sich auf das humoristische Potential konzentriert. Die vielleicht interessanteste Verfilmung stammt jedoch aus Kuba, was nicht zuletzt der gesellschaftl
iche Kontext bewirkt.

Die leichte Komödie von Tomás Gutiérrez Alea schafft es nicht nur mit Leichtigkeit, sich den Originalstoff zu eigen zu machen und elegant in das „Neue Kuba“ nach der Revolution einzubetten. Nicht zuletzt aufgrund der Parallelen zwischen sowjetischer und kubanischer Geschichte drängt sich die kubanische Version der zwölf Stühle geradezu auf. So geht es hier um den ehemals reichen Hipólito Garrigó, der in Folge der kubanischen Revolution wie die restliche Oberschicht des Landes vollkommen enteignet wurde und von den oben erwähnten Juwelen am Sterbebett einer entfernten Tante erfährt. Als er sich auf den Weg zu seinem alten Anwesen macht muss er dort feststellen, das man seine prachtvolle Villa in ein Altersheim verwandelt hat. Hier trifft er auch auf seinen ehemaligen Diener, den lebenslustigen Oscar. Die Stühle wurden versteigert und sind nun weitläufig auf das Land verteilt doch durch die Hilfe Oscars gelangt Hipólito zu den wichtigen Adressen der Käufer. Gemeinsam reisen die Partner hinter den Stühlen her, doch auch ein gierige Priester hat der alten Dame ihr Geheimnis entlockt und ist im Auftrag der Kirche ebenfalls auf Juwelen-Jagd. Damit bloß das Geld nicht in die Hände der Kommunisten fallen möge. Die Odyssee der Suchenden hält dabei die Schelmenroman-Struktur der Vorlage bei und nutzt die einzelnen Stationen der Reise als bissigen Querschnitt durch verschiedene gesellschaftliche Schichten und deren Umgang mit der Revolution.

Bei aller Sympathie für die neue Gesellschaftsordnung unter Fidel Castro ist DIE ZWÖLF STÜHLE kein Propagandafilm geworden. Die aufgewühlte, enthusiastische Stimmung des kubanischen Volkes wird zwar optimistisch eingefangen – ein Beispiel dafür ist die bezeichnende Sequenz, in der sich hunderte freiwilliger Helfer auf die Zuckerrohrernte stürzen. Hier wird deutlich, wie befreiend der Gedanke gewesen sein muss, erstmals nicht für die Oberschicht zu arbeiten sondern für die eigenen Bedürfnisse. Trotzdem findet kein unreflektiertes Loblied statt, was nicht zuletzt die Zeichnung der beiden Hauptcharaktere gilt. Oscar ist beispielsweise kein typischer Revolutionär und auch wenn die Veränderungen sich positiv auf sein Leben ausgewirkt haben, hegt er keinen Groll gegen seinen ehemaligen Boss. Dieser ist trotz aller Schwächen auch kein von Grund auf bösartiger Mensch. Im Gegenteil, lässt sich seine Entrüstung doch zumindest nachvollziehen und es gibt keinen Hinweis darauf, das Hipólito ein unmenschlicher Ausbeuter gewesen ist. Nur eben ein Nutznießer der bestehenden Ordnung unter der Batista-Diktatur, dessen von Wohlstand und Sorglosigkeit geprägtes Leben ein jähes Ende genommen hat. Die Unfähigkeit seinerseits, sich dem einfachen Volk (immer wieder versucht er gegenüber Oscar, vergangene Herrschaftsansprüche geltend zu machen) zugehörig zu fühlen, macht ihn im Endeffekt zu einer tragischen Figur. In der einfach gehaltenen letzten Szene des Films zieht Alea die Quintessenz aus seiner Gegenüberstellung zweier von Grund auf verschiedener Charaktere: Hipólito bricht zusammen als er erfährt, was mit seinem Schatz passiert ist. Nachdem er weinend auf die Knie gefallen ist, zieht er hilflos von dannen, lässt Oscar zurück – dieser macht sich wenig aus dem Verlust und gesellt sich unbekümmert zu einer Gruppe, die auf einer Grünfläche gerade ausgelassen Fußball spielt. Als wäre nichts geschehen steigt er in das Spiel ein und erfreut sich seines Lebens – etwas, das Hipólito nicht vergönnt ist.

DIE ZWÖLF STÜHLE ist gerade aufgrund seiner historischen und gesellschaftspolitischen Dimension ein überaus spannender Vertreter des sogenannten Dritten Kinos. Durch seine filmische Ausbildung in Rom lässt Regisseur Alea, eine der wichtigsten Persönlichkeiten des neuen lateinamerikanischen Films, seine Nähe zum italienischen Neorealismus deutlich durchblicken, ohne aber dessen Funktionsweise zu kopieren. Es ist der geschärfte Blick für die Bedürfnisse und Lebensumstände einfacher bzw. armer Leute, der seine Filme so außergewöhnlich authentisch wirken lässt. Seine ersten Spielfilme legen Zeugnis ab von einer bewegten Epoche, die auch eine Kulturrevolution für Kuba bedeuten sollte. Auch wenn vorliegender Film durchaus einige technische Unzulänglichkeiten beinhaltet, (so ist die Ausleuchtung in vielen Sequenzen eher mangelhaft und den holprig gesetzten Schnitten fehlt es etwas an Dynamik) ist Aleas inszenatorische Brillanz unverkennbar. Schon seine zahlreich gestreuten Referenzen an die Stummfilmästhetik weisen ihn als wahren Meister seines Fachs aus: Sei es der sparsam animierte Zeichentrickvorspann, der gleichzeitig die Vorgeschichte um die Juwelen erzählt und damit direkte erzählerische Funktion erfüllt, die vielen Montage-Sequenzen mit beschleunigter Bildfolge oder die musikalische Untermalung mit Pianoklängen. Selbst Schrifttafeln werden verwendet um entscheidende Szenen anzukündigen und zu kommentieren. Die formelle Kreativität und die exotischen Schauplätze inmitten der historisch denkwürdigen Umwälzung Kubas machen DIE ZWÖLF STÜHLE auch heute noch zu einem vergnüglichen, unterhaltsamen und uneingeschränkt sehenswerten Film.

Eine Rezension von Marco Siedelmann
(07. November 2009)
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Daten zum Film
Die Zwölf Stühle Kuba 1962
(Las doce sillas)
Regie Tomás Gutiérrez Alea Drehbuch Ugo Ulive, Tomás Gutiérrez Alea
Produktion Margarita Alexandre Kamera Ramón F. Suárez
Darsteller Enrique Santiesteban, Reynaldo Miravalles, René Sánchez, Pilín Vallejo, Idalberto Delgado, Ana Viña
Länge 90 Minuten FSK ohne Altersbeschränkung
Filmmusik Juan Blanco
Die DVD kommt aus dem Hause Icestorm Entertainment und ist Teil der Reihe "Meisterwerke des kubanischen Films". Neben der deutschen Synchronfassung ist auch die Originalversion auf einer zweiten Disc enthalten. Die knappen Extras beinhalten unter anderem
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