Filmkritiken - von Independent bis Hollywood
 
2008 Filmkritiken | 10468 Personen | 3323 Kommentare  
   
Bitte wählen Sie

Email

Passwort


Passwort vergessen

> Neu anmelden

Auch interessant



Je tÂŽaime moi non plus
von Serge Gainsbourg




Meist gelesen¹

1. 
Auf der Alm da gibt's koa SĂŒnd  

2. 
Cannibal Holocaust (Nackt und Zerfleischt)  

3. 
Troll Hunter  

4. 
Martyrs  

5. 
Supernatural  

6. 
Antikörper  

7. 
Das ZeitrĂ€tsel  

8. 
Midnighters  

9. 
Stand By Me - Das Geheimnis eines Sommers  

10. 
Andromeda - Tödlicher Staub aus dem All  
¹ gilt für den aktuellen Monat

  FILMSUCHE
  Sie sind hier: Filmkritiken > Richard Kelly > Donnie Darko
Donnie Darko RSS 1.0


Donnie Darko

Donnie Darko

Ein Film von Richard Kelly

„Donnie Darko? What the hell kind of name is that? It's like some sort of superhero or something.”

Das Kino mit all seinen UnwĂ€gbarkeiten und HĂŒrden spendiert manchen Filmen gelegentlich leider nicht den finanziellen Erfolg, den sie eigentlich verdient hĂ€tten. Millionenschwere Massen- und Fließbandproduktionen stampfen erfolgstechnisch alles nieder, was budgettechnisch nicht einmal annĂ€hrend in die SphĂ€ren eines Blockbusters heranreicht. Einige dieser geschlagenen Gesellen fristen daraufhin teilweise ein unverdientermaßen ödes und staubiges Dasein in den hintersten Ecken der Videotheken und werden höchstens von einer Handvoll Filmliebhabern mit der Art WertschĂ€tzung versehen, die ihnen zustehen mĂŒsste.


Nichtsdestotrotz entwickeln einige dieser Perlen der Filmgeschichte ein beachtliches Eigenleben und rollen das Feld gewissermaßen von hinten auf. Klein angefangen erheben sich die filmischen Werke nach und nach zu großen Kultfilmen ihres Genres, kommen auf der digitalen Disk endlich zu dem ihnen gebĂŒhrenden Ruhm und setzen ihren Siegeszug in Internetforen und Diskussions-Plattformen fort. Das PhĂ€nomen „vom finanziellen Flop zum erfolgreichen Kultfilm“ ist an sich ja schon geeignet, mehrere Seiten zu fĂŒllen. Umso schwieriger ist es fĂŒr einen Filmkritiker, wenn er ĂŒber einen Film zu berichten hat, ĂŒber den ganze BĂŒcher verfasst werden könnten. Wagen wir es einfach mal.


Am 26.
Oktober 2001 startete in den USA der DebĂŒtfilm des Regisseurs Richard Kelly unter dem Namen „DONNIE DARKO“ in den Kinos. Der mit einem fĂŒr die USA vergleichsweise geringen Budget von 4,5 Mio. Dollar ausgestattete Mysteryfilm sollte jedoch am Ende nur knapp eine halbe Million an den Kinokassen einspielen. Einer der GrĂŒnde war sicherlich, dass der Film mit dem Fall einer Flugzeugturbine auf ein belebtes Haus beginnt – kurz nach den schrecklichen Ereignissen um den 11. September wollte das im Kino niemand sehen. Erst die spĂ€ter erscheinende DVD, die innerhalb kĂŒrzester Zeit ĂŒber eine Million Mal ĂŒber die Ladentheke ging, machte den Film nun nicht mehr nur in kleinen Fankreisen, sondern auch einem breiten Massenpublikum bekannt. ÜberschĂ€umendes Lob von Presse und Filmliebhabern folgte auf dem Fuße, Top-Wertungen in einschlĂ€gigen Filmforen und Magazinen im Schlepptau. Hier wurde ein Film aus der Traufe gehoben, der sich gekonnt vom Hollywood-Einheitsbrei abhob, mehrere Genres auf einmal bediente und bei aller Raffinesse und Storykniffe eines tat: auf ungewohnte Weise unterhalten. Die verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten, die der durchdachten Geschichte zweifelsohne innewohnen, sorgen auch heute noch fĂŒr GesprĂ€chsstoff, denn so unterschiedlich jeder einzelne Mensch ist, so verschieden fĂ€llt jeweils auch das VerstĂ€ndnis des Drehbuchs von Richard Kelly aus. Jeder Versuch, eine allgemeingĂŒltige Sichtweise festzusetzen, wĂ€re verfehlt, da selbst Kelly zugibt, dass man vieles in seinem Film sehen kann und er seine eigene Intention, die er wĂ€hrend des Filmdrehens hatte, gerne fĂŒr andere, nachtrĂ€gliche Interpretationen zurĂŒckstellt. Auch meine Interpretation dieses modernen Klassikers stellt nur eine kleine von vielen bestehenden Meinungen dar, gleich einem Grashalm auf der langlĂ€ufigen Wiese der Möglichkeiten. Nichts ist fĂŒr sich alleine die ultima ratio, aber alles zusammen formt letztlich ein aussagekrĂ€ftiges Gesamtbild. Ein filmisches Puzzle, und jeder von uns ist ein kleines TeilstĂŒck davon.


„Ich hoffe, dass ich, wenn die Welt untergeht, erleichtert aufatmen kann, weil es dann so viel gibt, auf das ich mich freuen kann.“



Die merkwĂŒrdige Geschichte beginnt im Oktober des Jahres 1988. Der psychisch labile – und sich deshalb auch in psychiatrischer Behandlung befindende –, jedoch ĂŒberaus intelligente Teenager Donnie Darko (Jake Gyllenhaal in seiner ersten großen Hauptrolle, „Jarhead“, „Brokeback Mountain“ [2005], „Zodiac“ [2007]) erwacht am 2. Oktober auf einem Golfplatz, ohne genau zu wissen, wie er dort hingekommen ist. Ist er mal wieder schlafgewandelt? Was er sicher weiß, ist, dass ihm in der vorangegangenen Nacht in seinem Schlafzimmer ein Fremder in einem unheimlichen HasenkostĂŒm (James Duval) erschienen ist, der auf den Namen Frank hört und dem 16jĂ€hrigen prophezeite, dass in genau 28 Tagen, 6 Stunden, 42 Minuten und 12 Sekunden der Untergang der Welt bevorsteht. Auf den Rat des KostĂŒmierten hin verließ der Junge das Haus, nur um nach seiner RĂŒckkehr vom Golfplatz feststellen zu mĂŒssen, dass eine Flugzeugturbine in der Nacht, in der er eigentlich in seinem Bett gelegen hĂ€tte, in sein Zimmer gestĂŒrzt ist und ihn mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlich getötet hĂ€tte. Warum hat Frank ihm das Leben gerettet? Und warum suchen Donnie ab diesem Zeitpunkt immer wieder Visionen mit dem seltsamen Hasen heim, in denen dieser wiederholt rĂ€tselhafte Andeutungen macht und den Teenager zu mitunter nicht legalen Taten treibt? So sorgt Donnie fĂŒr einen Wasserrohrbruch in der Schule, der der Überflutung in dem zuvor im Unterricht von Lehrerin Karen Pomeroy (Drew Barrymore, „Mitten ins Herz“ [2007]) behandelten Buch von Graham Greene „The Destructors“ gleicht. Das Geschehen spitzt sich im Folgenden zu, als eine MitschĂŒlerin namens Gretchen Ross (Jena Malone) in die Klasse kommt und Donnie Gefallen an dem hĂŒbschen MĂ€dchen findet. Aufgrund des Wasserrohrbruchs nutzt der Junge die Gelegenheit und freundet sich mit Gretchen an – und aus Freundschaft wird letztlich Liebe und die beiden ein Paar. Doch Donnies Verhalten wird zusehends merkwĂŒrdiger, die Visionen immer kruder, das von Frank Verlangte immer schwieriger. Das Bloßstellen eines simplizistische Lebenstheorien verbreitenden „Predigers“ (Patrick Swayze, „Dirty Dancing“ [1987]) als Mitglied eines Kinderporno-Rings ist nur der Anfang einer Reihe von Handlungen, die jede fĂŒr sich Auswirkungen auf das Leben seiner Mitmenschen hat. Am Ende steht eine Erkenntnis Donnies, die folgenschwere Auswirkungen haben soll. Das Buch „Philosophie des Zeitreisens“, auf das der Teenager durch einen Wink Franks gestoßen wird, spielt hierbei eine mehr als wichtige Rolle. Die Zeit lĂ€uft.


„Und was wĂ€re, wenn Du in die Vergangenheit reisen und alle schmerzhaften und dunklen Stunden durch etwas Besseres ersetzen könntest?"



„DONNIE DARKO“ macht zwar auch noch Spaß, wenn man das Ende schon kennt, jedoch möchte ich aufgrund der Tatsache, dass der Film trotz treuer Fanbase hierzulande noch nicht sonderlich bekannt ist, in diesen Zeilen darauf verzichten, es zu verraten. Die, die den Film gesehen haben, werden es mir nachsehen, und die, die Richard Kellys DebĂŒt bisher noch nicht gesichtet haben, können – hoffentlich – auch ohne Kenntnis aus dieser Kritik ein angemessenes Bild dieses nur schwer in Worte zu fassenden Meisterwerks ziehen. Inszenatorisch steht außer Frage, dass die Optik des Films keinen RĂŒckschluss auf das Minimal-Budget zulĂ€sst. Die von Kameramann Steven B. Poster toll eingefangenen Bilder strahlen allesamt eine merkwĂŒrdige, wenngleich faszinierende und zur Geschichte passende Grundstimmung aus, die einiges dazu beitrĂ€gt, dass der Film beim Zuschauer im GedĂ€chtnis bleibt. Auch die auf Hochglanz polierten Spezial- und Computereffekte wirken niemals deplaziert, sondern orientieren sich stark an den ganz Großen im Visual-Effects-Bereich wie zum Beispiel ILM, sehen ĂŒberraschenderweise sogar teilweise besser, weil unaufdringlicher als in etwaigen Blockbustern aus. Wenn man jetzt noch bedenkt, dass es sich hier um den DebĂŒtfilm eines damals erst 26jĂ€hrigen handelt, kommt man nicht umhin, voller Hochachtung den imaginĂ€ren Hut zu ziehen.


„Jedes Lebewesen auf der Erde stirbt fĂŒr sich allein."



Noch bewundernswerter sind jedoch neben der Inszenierung und den schauspielerischen Leistungen von allen (!) Beteiligten die vielen Hinweise und Zitate im Film selber, die niemals alles verraten, sondern es vielmehr dem Auge des Betrachters ĂŒberlassen, die HĂ€ppchen zu einem (fĂŒr ihn) schlĂŒssigen Gesamtbild zusammenzusetzen. Aus der obigen Inhaltsangabe ergibt sich förmlich schon der Verdacht, es hier mit einem schlichten Zeitreisefilm zu tun zu haben. Doch es sind ebenso weitere Sichtweisen möglich. Kelly selbst spricht im Audiokommentar der DVD von einer Art Paralleluniversum, in dem man sich unmittelbar nach dem Sturz der Turbine befindet. Dieses instabile Konstrukt droht, in sich zusammenzufallen und das unsrige Universum mitzuzerstören – vielleicht der Grund fĂŒr den von Frank prognostizierten Weltuntergang? Oder handelt es sich am Ende gar um göttliches Eingreifen, ist Donnie doch an einer Stelle im Film in der Lage, den Weg seiner Mitmenschen vorauszusehen, da – nur fĂŒr ihn sichtbar – seltsame schlangenĂ€hnliche und „richtungsweisende“ Objekte aus den Körpern der Menschen, die ihn umgeben, treten? Es liegt nicht fern, die hieraus entstehenden Möglichkeit, das Leben der anderen zu beeinflussen, als ĂŒber allem stehende Macht anzusehen. Dass Donnie im Kino Scorseses „Die letzte Versuchung Christi“ ansieht, wĂŒrde diese Interpretation sogar unterstreichen. Aber warum wird dann indirekt erwĂ€hnt, Donnie sei schizophren und Frank nur ein Teil seiner lebhaften Fantasie? Man sieht: wie man es auch dreht und wendet, es ist bei der FĂŒlle an Details einfach nicht möglich, eine „einzig wahre“ Interpretation zu finden, geschweige denn in einer Rezension wie dieser alles, was man ĂŒber den Film sagen könnte, zu berichten. Der Genremix aus Highschool-Satire, Horror, Mystery und Science-fiction-Drama erweist sich nĂ€mlich als regelrechtes FĂŒllhorn, aus dem man beinahe unbegrenzt neue Anhaltspunkte fĂŒr Interpretationen ziehen kann. Immer und immer wieder. So ist „DONNIE DARKO“ einer jener Filme, die man sich auch zwei- oder dreimal ansehen kann, ohne dass es einem langweilig wird.


Viel naheliegender erscheint im ĂŒbrigen der Standpunkt, in Kellys DebĂŒt das Psychogramm eines geplagten Jugendlichen zu sehen, der – von Jake Gyllenhaal genial verkörpert – in eine Welt geboren wurde, in der es nicht mehr viel gibt, was einen freudestrahlend zurĂŒcklĂ€sst. Die zutiefst verwirrte Gesellschaft verdummt allmĂ€hlich, weil sie die falschen Sachen vertritt und glaubt, das Leben lediglich auf zwei Faktoren (Angst – Liebe) reduzieren zu können. Wer sich wie die Lehrerin Karen Pomeroy noch fĂŒr die guten alten Werte stark macht, wĂ€hrend andere Personen sogenannte „Wellness-Theorien“ propagieren und immer mehr AnhĂ€nger finden, wird einfach mir nichts, dir nichts „beseitigt“. Donnie ist einer der wenigen Menschen, die sich mit diesem Leben nicht anfreunden wollen, weshalb er auf seine Weise versucht, den Traum eines geglĂŒckten Lebens zu verwirklichen. Wodurch auch immer. Der melancholisch-geniale Song „Mad World“ am Ende des Films beschließt schließlich ein faszinierendes, spannendes StĂŒck moderner Filmgeschichte, hinterlĂ€sst jedoch durch die traurige Wahrheit, die in ihm steckt, und das Zusammenspiel mit den letzten Filmminuten einen ĂŒberaus bitteren Beigeschmack. Wir alle leben schließlich in dieser Welt, dieser manchmal ĂŒberaus verrĂŒckten Welt.


Auch interessant:

Richard Kellys Nachfolgefilm „Southland Tales“ [2006]

Eine Rezension von Stefan Rackow
(03. Juli 2007)
    Donnie Darko bei ebay.de ersteigern


Kommentar schreiben | Einem Freund empfehlen

Daten zum Film
Donnie Darko USA 2001
(Donnie Darko)
Regie Richard Kelly Drehbuch Richard Kelly
Produktion Adam Fields, Nancy Juvonen, Sean McKittrick Kamera Steven B. Poster
Darsteller Jake Gyllenhaal, Noah Wyle, Daveigh Chase, Maggie Gyllenhaal, Beth Grant, Drew Barrymore, Katharine Ross, Patrick Swayze, James Duval, Holmes Osborne, Mary McDonnell, Jena Malone, Alex Greenwald, Patience Cleveland
Länge 109 Minuten (Kinofassung), 128 Minuten (Director's Cut) FSK ab 16 Jahren
Filmmusik Michael Andrews
Kommentare zu dieser Kritik
Stefan R. TEAM sagte am 04.07.2007 um 12:34 Uhr

Ich vergaß zu erwĂ€hnen, dass der Film ironischerweise innerhalb von 28 Tagen (!) abgedreht wurde. Faszinierend ;)
Damocles TEAM sagte am 06.07.2007 um 15:44 Uhr

Basiert diese Kritik auf der normalen DVD oder auf dem Director's Cut?
Stefan R. TEAM sagte am 06.07.2007 um 17:58 Uhr

Ich habe mich bei der Kritik hauptsÀchlich auf die normale DVD-Fassung bezogen, also die, die auch im Free-TV lief.
Brandywine sagte am 25.09.2009 um 15:59 Uhr

Lohnt sich denn ein Blick auf den Directors Cut, oder sind da nur "nette", kleine ErgÀnzungen drin?
Flo TEAM sagte am 19.11.2009 um 21:16 Uhr

Einer meiner Lieblingsstreifen und abseits deiner sehr individualistischen Lesart ein sehr stringend durchkomponiertes Sittenportrait der 80er. Sechs Pflichtsterne von meiner Seite!
Filmfan94 sagte am 01.06.2012 um 14:38 Uhr

Hier stimme ich der Kritik 1000 prozentig zu. Dieser Film ist ein Sog und gehört zu meinen Lieblingsfilmen. ich versteh immer noch nicht wie man so etwas geniales entwickeln kann. Ein komplexer Einfall jagt den nĂ€chsten. es stimmt auch das mehr Fragen gestellt werden als beantwortet werden, doch das ist ja gerade das tolle. Man kann selber in diesem Film sein. Das war ich auch wochenlang, als ich ihn das erste mal sah. Ich war so beeindruckt das ich zwei Tage nicht wusste um was es ĂŒberhaupt ging. Es war einfach schon seine Art, die fasziniert. Ein wirklich unglaublich guter Streifen.

Kommentar schreiben | Einem Freund empfehlen

 

Impressum