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Inglourious Basterds

Inglourious Basterds

Ein Film von Quentin Tarantino

von Asokan Nirmalarajah

„How fun. But I digress, where were we?“, besinnt sich einmal der grandiose Christoph Waltz als Col. Hans Landa im letzten Drittel von Inglourious Basterds (2009), dem seit über einem Jahrzehnt geplanten und dann im Schnelltempo abgedrehten Kriegsabenteuerfilm Quentin Tarantinos, und bringt damit metareflexiv das dramaturgische Prinzip des gesamten Films auf den Punkt. Wie die früheren, meist zu Kultfilmen avancierten Genredekonstruktionen des bekanntesten Cineasten unserer Zeit ist auch seine jüngste Regiearbeit weniger daran interessiert, die Konventionen eines bestimmten Subgenres wieder aufzubereiten, als sie gleich von vornherein auszuschließen. Tarantino dreht keine konventionell dramatischen Erzählfilme, er serviert im Grunde überlange Ansammlungen von mutwilligen digressions, von Abschweifungen aller Art, die bestenfalls amüsieren, schlimmstenfalls die Handlung stagnieren lassen. Erinnern wir uns: Reservoir Dogs (1992) ist ein kammerspielartiger Heist-Film, in dem kein Heist (Englisch für Banküberfall) zu sehen ist, aber dafür die Vor- und Nachgeschichte im kleinsten Detail dargestellt wird; Pulp Fiction (1994) ist ein bunter B-Movie-Cocktail, der die lebensphilosophischen Debatten seiner kriminellen Hauptfiguren bemerkenswert ernst nimmt; Jackie Brown (1997) ist ein sanfter Blaxploitationfilm, in der die Heldin nicht ihre Brüste, sondern ihre Intelligenz zeigt usw. usf. Was diese frühen Tarantino-Filme jedoch auszeichnet ist die Qualität und Funktion der Abschweifungen: die große Fülle an absurden Nebenhandlungen, irrelevanten Dialogen und skurrilen Momenten war stets erfrischend, intelligent und unterhaltsam genug, um nicht als störend, sondern als eigentliche Attraktion der Filme empfunden zu werden. Die furiose Gratwanderung zwischen poppigem Genrefilm und prätentiösen Auteurfilm mag Tarantino aber bei seinem jüngsten Film leider noch weniger gelingen als bei seinem ebenso verhalten aufgenommenen Flop Death Proof - Todsicher (2007).
Inglourious BasterdsInglourious BasterdsInglourious Basterds
Kontinuierlich interessant, aber selten wirklich unterhaltsam, steht Inglourious Basterds auf dem ersten Blick in der Tradition von martialischen, selbstironischen Abenteuerfilmen wie The Guns of Navarone (1961) und The Dirty Dozen (1967), in denen eine Gruppe schwer bewaffneter Ex-Soldaten während des II. Weltkriegs aufbricht, um in einem spektakulären Himmelfahrtskommando hart umkämpfte Gebiete Europas von den Nazis zu befreien. Doch trotz den ungewöhnlich actionlastigen Kill Bill-Volumen (2003/04) findet man in den über zweieinhalb Stunden Laufzeit von Inglourious Basterds keine Szene, die man als Schlacht bezeichnen könnte, noch andere spektakuläre Actionszenen (das finale Massaker mal ausgenommen, in dem aber nicht so sehr gekämpft als gestorben wird). Auch erfährt man weder viel über die einzelnen Mitglieder der titelgebenden „Basterds“, noch sind die Nazis hier die üblichen widerlichen, eindimensionalen Bösewichter. Das Genre dient Tarantino also einmal mehr lediglich als Sprungbrett für eine Reihe von sehr angespannten, ausufernden Unterhaltungen zwischen verfeindeten, aber freundlich agierenden Gesprächspartnern. Wie gewohnt bezieht Tarantinos Film seine Spannung über den prädestinierten Weg hin zu einer blutigen Konfrontation und über die skurril-komischen Konsequenzen, die diese Konfrontation mit sich bringen kann. Die eigentliche Konfrontation ist dabei nicht so wichtig und auch recht schnell vorbei: ein Schuss, ein Messerstich und am Boden liegen die geschwätzigen Protagonisten der vorherigen Szene. Deshalb ist auch Inglourious Basterds nicht der actionhaltige Kriegsfilm, den der Trailer zum Film verspricht, sondern ein genuiner Schauspielerfilm, ein hochgradig selbstverliebter Dialogfilm mit narrativen Längen und dramaturgischen Schwächen, aber doch auch gesegnet mit einer handvoll gelungener Momente.

Obwohl der Film den Titel Inglourious Basterds trägt, spielt die so benannte Gruppe von jüdischamerikanischen Soldaten, die unter der Führung von Lt. Aldo Raine (Brad Pitt) die Nazis mit ihren eigenen Waffen schlagen sollen, d.h. sie terrorisieren, erschlagen und skalpieren sollen, eine eher untergeordnete Rolle in der Geschichte. Unterteilt in fünf Kapiteln, die allerdings im Gegensatz zu den Kill Bill-Volumen strikt chronologisch platziert sind, erzählt Inglourious Basterds einem Roman gleich von mehreren Hauptfiguren und verbindet mehrere Handlungsstränge, die dann im letzten Kapitel zusammenlaufen. Der erste Handlungsstrang dreht sich um das jüdischfranzösische Mädchen Shosanna Dreyfus (wahrlich bezaubernd: Mélanie Laurent), die zu Anfang des Films als einziges Mitglied ihrer Familie dem kaltblütigen „Judenjäger“ Col. Hans Landa entkommen konnte, und einige Jahre später ein Kino in Paris betreibt. Dort wird sie von SS-Mann Fredrick Zoller (Daniel Brühl) umgarnt, der als besonders effizienter Scharfschütze zum deutschen Volkshelden und Kinostar seiner eigenen Erfolgsgeschichte geworden ist. Er überredet sie und den deutschen Propagandaminister Joseph Goebbels (Sylvester Groth) dazu, die Premiere seines Films in Shosannas Lichtspielhaus zu feiern. Die auf Rache gesinnte Shosanna willigt ein, um mit einem Streich die gesamte Naziführung auszulöschen (sogar Hitler hat sich angekündigt!). Der zweite Handlungsstrang dreht sich um die blutrünstigen Basterds, die sich bald mit dem Protagonisten des dritten Handlungsstrangs, dem eleganten britischen Lt. Archie Hicox (Michael Fassbender) treffen, um mit Hilfe der deutschen Leinwanddiva und Spionin Bridget von Hammersmark (Diane Kruger) an der Premiere teilzunehmen und im richtigen Moment die Nazis in die Luft zu jagen…
Inglourious BasterdsInglourious BasterdsInglourious Basterds
Wie man dem ursprünglich von Tarantino intendierten Titel des Films – Once Upon a Time in Nazi-Occupied France, der nun stattdessen als Titel des ersten Kapitels des Films fungiert – entnehmen kann, ist Inglourious Basterds ein märchenhaftes, wenn auch besonders brutales Was-wäre-wenn-Szenario, das in keinem Moment Anspruch darauf erhebt, etwas sonderlich Substantielles über das Dritte Reich, die Naziverfolgung oder über die Legitimation von Gewalt an den eigenen Peinigern zu sagen. Der realhistorische Kontext ist hier nur als narrativer Rahmen relevant. Das bedeutet allerdings auch nicht, dass sich nicht besonders perfide antisemitische und rassistische Ideologien in den Dialogen niederschlagen würden, vom Vergleich des jüdischen Gemüts mit dem einer Ratte bis zum schwarzen Mann als Vorbild für King Kong. Und interessanterweise bezieht der Film auch viele seiner Konflikte (und seine Komik) aus der für einen vermeintlichen Exploitationfilm sehr sorgfältig orchestrierten Kollision der zahlreichen Sprach(barrier)en und Akzente. Die ‚Realität’ des Films speist sich aber wie die von Tarantinos früheren Filmen, die oft in einer 'filmischen' Unterwelt L.A.s spielen, seltener aus realen Zeitbezügen als aus anderen Filmen über dieselbe Zeit, vornehmlich aus amerikanischen und europäischen Exploitationfilmen der 60er und 70er Jahre über den II. Weltkrieg. Von Enzo G. Castellaris ‚Original’ The Inglorious Bastards (1978) hat sich Tarantinos Film allerdings nur den Titel und die Ausgangsprämisse entlehnt.
Inglourious BasterdsInglourious BasterdsInglourious Basterds
Wie gewohnt ist Tarantino also weniger an der Story seines Films interessiert, als an den einzelnen digressions, an denen seine Aufmerksamkeit aber oft zu lange hängenbleibt. So gibt es immer wieder ermüdende, banale Unterhaltungen in Echtzeit, in denen das Verhalten, die Gestik, die Mimik und vor allem die Akzente der Dialogpartner akribisch registriert wird. Zwar können die Schauspieler in diesen mitunter sehr amüsanten Szenen oft glänzen (neben dem bereits allerorts gefeierten Waltz als ungemein charmanter, eloquenter und wunderbar enthusiastischer Bösewicht können vor allem auch der besonders intensive August Diehl und der besonders coole Michael Fassbender als konkurrierende Tischpartner brillieren). Aber ihre Dialoge sind längst nicht so interessant wie man es von dem ‚frühen Tarantino’ gewohnt ist. Spätestens seit den Kill Bill-Volumen scheint der für seinen geistreichen Dialogwitz und für seine absurde Situationskomik gefeierte Regisseur verlernt zu haben, zitierfähige Sätze zu schreiben und originelle Figuren in atemberaubende verbale Duelle zu schicken. Stattdessen musste man in seinem letzten Film Death Proof (2007) anstrengend selbstwichtigen Figuren zuhören, wie sie nicht aufhören konnten, über die Banalitäten ihres Alltags zu reden (bis die einzig erinnernswerte, lakonische Figur „Stuntman Mike“ sie effektvoll zum Schweigen brachte). Die Figuren aus Inglourious Basterds sind etwas interessanter, bleiben aber doch bemüht-schräge Schablonen, vom durchweg überzogen agierenden Pitt als Aldo Raine über den eintönig psychotischen Eli Roth als „Bärenjuden“ bis hin zu den generell farblosen „Basterds“. Richtig auftrumpfen dagegen dürfen sämtliche Nazi-Darsteller, vom grotesken Pop-Hitler über den fabelhaft schmierigen Goebbels bis zu Daniel Brühl in einer ungewohnt doppelbödigen Rolle. Wirklich haften bleibt aber letztlich nur Col. Hans Landa, der sich als Einziger in eine Reihe mit den früheren unvergesslichen Tarantino-Protagonisten (Vincent Vega, Jules Winnfield, Mia Wallace, Marsellus Wallace, Wolf, Mr. Blonde, Mr. White, Mr. Pink, Nice Guy Eddie und so ziemlich jede Figur aus den ersten beiden Tarantino-Filmen) stellen lässt.

So sind die letzten Worte des Films wohl zweifellos auch metareflexiv als euphorische Selbstaussage des Regisseurs aufzufassen: „...I think this just might be my masterpiece.“ Worauf meine Wenigkeit, die sich Mitte der 90er Jahre vom Tarantino-Hype ebenso anstecken ließ wie jeder andere 14jährige Cineast, leicht ernüchtert antworten würde:

Well, your best better get a hell of a lot fucking better...

Eine Rezension von Asokan Nirmalarajah
(24. Juli 2009)
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Daten zum Film
Inglourious Basterds USA/D 2009
Regie Quentin Tarantino Drehbuch Quentin Tarantino
Produktion Weinstein Pictures, Universal Kamera Robert Richardson
Darsteller Brad Pitt, Eli Roth, Christoph Waltz, Diane Kruger, Til Schweiger, August Diehl, Daniel Brühl, Mélanie Laurent, Jana Pallaske, Christian Berkel, Julie Dreyfus, Denis Menochet
Länge 160 FSK 18
http://weinsteinco.com/#/film/inglourious/
Kommentare zu dieser Kritik
Bastian TEAM sagte am 25.07.2009 um 00:02 Uhr

Da bin ich mal gespannt: Irgendwie kann ich mit dem neuen "Exploitation-Tarantino" (KILL BILL, DEATH PROOF) fast mehr anfangen als mit dem dennoch großartigen "Gangster-Tarantino" (RESERVOIR DOGS, PULP FICTION).

Ich hätte eigentlich aufgrund der Thematik und dem ersten, reißerischen Trailer mit mehr Aufruhr um den Film (zumindest hierzulande) gerechnet. Schließlich ist der Inhalt ja schon starker Tobak und der Regisseur heisst nicht Steven Spielberg (der mit JAMES RYAN ja auch schon mehr einen Helden-Actionfilm als ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema abgeliefert hat).

Wie macht sich eigentlich Til Schweiger in dem Streifen? Ich sehe den Schauspieler ja normalerweise gar nicht gerne...
Asokan TEAM sagte am 25.07.2009 um 00:10 Uhr

Schweiger macht das, was er in den meisten US-Produktionen macht: wenig reden, grimmig gucken und seine Muskeln spielen lassen. Tarantino findet für ihn aber recht solide Verwendung.
Bastian TEAM sagte am 25.07.2009 um 00:25 Uhr

So hab ich mir das schon gedacht. Aber Tarantino ist ja dafür bekannt, dass er im besten Fall aus völlig versunkenen Darstellern sogar echte Glanzleistungen rausbekommt: Robert Forster, David Carradine, nicht zu vergessen Michael Madsen - und wo wär Travolta heute ohne PULP FICTION?
Damocles TEAM sagte am 25.07.2009 um 10:34 Uhr

Dann also doch lieber noch einmal das Original, auf das an dieser Stelle noch einmal hingewiesen werden soll:
http://www.mannbeisstfilm.de/kritik/Enzo-G-Castellari/Ein-Haufen-verwegener-Hunde/993.html
travisbickle TEAM sagte am 25.07.2009 um 17:04 Uhr

Tarantino ist immer ein Ereignis: Egal ob Gangsterfilm, Exploitation oder Trash ;-) In Cannes waren sie geteilter Meinung über die "Basterds", für mich als Hardcore-Quentin-Fan fällt am 20.8., dem deutschen Starttermin, natürlich Weihnachten und Geburtstag auf einen Tag... ;-)
Brandywine sagte am 25.07.2009 um 17:46 Uhr

Ich bin auch gespannt was Tarantino da gestrickt hat.
Zumindest kann man der Kritik entnehmen das der Film kein reiner Mainstream ist.
Das war meine erste Befürchtung als ich gehört habe worum es inhaltlich geht.
Ist eigentlich bekannt ob er noch mal die Schere für´s Kino angesetzt hat? Die Fassung in Cannes soll ja angeblich erheblich zu lang gewesen sein?
Asokan TEAM sagte am 25.07.2009 um 17:59 Uhr

Laut Harvey Weinstein wurde nicht mehr an dem Film geschnitten, es wurde angeblich sogar eine Minute drangehängt. Die Version, die in der Pressevorführung lief, war jedenfalls etwas mehr als zweieinhalb Stunden lang, also die Länge der Cannes-Version.
kara sagte am 28.07.2009 um 12:47 Uhr




Den find ich Toll, denn Viele Berühmte Schauspieler mitspielten,das ist vorteilhafter, Zweifellos gehört Quentin Tarantino nach seinem furiosen Welterfolg -Pulp Fiction- zu den kreativsten berühmtesten Regisseuren des modernen Kinos, Mit seinem neuen Film -Inglourious Basterds-, welcher zu Großteilen in Deutschland gedreht wurde, mit Deutsche Schauspieler
borat1970 sagte am 08.08.2009 um 05:54 Uhr

Eure Kritiken sind jedesmal ein Genuss! Super!
Und Quentin "liebe" ich....hoffentlich dreht er noch weitere coole Filme.
Weiss jemand was sein nächstes Projekt ist? Horrorfilm???
Zombie-mower TEAM sagte am 21.08.2009 um 21:51 Uhr

"Inglorious Basterds" ist ein ganz klarer Tarantino, unverfälscht und nicht auf die Schnelle zuungunsten der Qualität/Kreativität runtergekurbelt, wie in der Kritik suggeriert wird.

Danke für die pädagogische Einführung eines Fachbegriffs - disgression - und des Versuchs die Tarantino-Stilmittel zu kategorisieren. Aber ich fürchte hier wurde der Film unter falschen Erwartungen rezipiert; es ist kein pseudo-intellektueller Versuch, vorgeblich historische Wahrheiten an das Tageslicht zu zerren oder gar den Anspruch auf Authentizität zu wahren.
Nein, Tarantino versucht, wie er es in jedem Film machte und macht, seinen Charakteren eine Seele einzuhauchen, deren Problematik deutlich zu machen (ähnlich gut geschriebener Romane), zu überspitzen und in absurden Szenarios zu relativieren, bzw ad absurdum zu führen.
Vielleicht ist Tarantino der abgedrehteste Drama-Regisseur unserer Zeit. Er besitzt jedenfalls immer ein sehr gutes Gespür für seine Charaktere und deren immer gut gewählter Besetzung.
Und vielfältiger könnten die Charaktere in "Inglourious Basterds" kaum sein (was Tarantino an unterschiedlich gepolte Figuren mit ihren skurrilen Eigenheiten in die Geschichte wirft ist typisch und immer wieder beeindruckend, auch in diesem Film: der vergeblich um Menschlichkeit und Barmherzigkeit bemühte Bauer vom Intro, der eingebildetete, sadistische, eitel-selbstüberhebliche Colonel und dabei genialer Detektiv Landa, das ultra-coole, Marlon Brando imitierende Raubein Aldo Raine, der zwielichtige Nazi-Held Frederick Zoller, die blonde, attraktive "Kill Bill" Braut-Nachfolgerin und eigentliche Hauptdarstellerin Shosanna Dreyfus, und viele mehr...).

Ich möchte mit der Kritik nicht hinterm Berg halten: die Titel gebenden Basterds kommen zu kurz (da wäre eine Charakterisierung und Einführung alá der "Deadly Squad" aus "Kill Bill" wünschenswert gewesen), es ist kein Kriegsfilm, sondern ein Selbstjustiz-Drama mit genialen Dialogen und übertrieben-grotesken Gewaltausbrüchen.
Tarantino hatte nie die intellektuelle Schiene gefahren (was vielleicht die Milieu-Studie "Der Untergang" schon eher bedienen kann und deshalb wohl eher jedem Filmkritiker feuchte Hosen zu bereiten vermag), ihn hat immer die triviale, trashige und obszön-zynische Welt der Schurken, Bösewichte und Drogendealer (letztere werden hier durch Waffen-Fetischisten substituiert) interessiert.
Und in der Hinsicht sind die "Basterds" ganz klar Tarantino-Figuren; in diesem neuen Werk bekommt zudem noch die Faszination des Kino und der Nazi-Propaganda-Film eine eigene Huldigung und wie Tarantino obssesiv die Materie erkundet ist beeindruckend! Er drehte extra für das große Finale einen fiktiven Propaganda Film mit Brühl in der Hauptrolle als massenexekutierenden Scharfschützen! Wieviele Regisseure heutzutage setzen soviel Anspruch auf solche Details???

Gänzlich unerwähnt und ungewürdigt ist auch die Kamerarbeit vom brillanten Oliver Stone Kameramann Robert Richardson geblieben. Die Bilder von Richardson schauen sehr beeindruckend aus auf der Leinwand - großartige Landschaftsfotografie (mit überrschandem Tarkvosky-Zitat zu Beginn), viele lange Kamerafahrten, tolle Farben, Licht und interessante Perspektiven; was ganz neuartig für einen Tarantino dazu gekommen ist, sind die farbliche Untermalung und künstvolle Hervorhebung von besonders dramatischen Szenen (wie z.B. als auf die Heldin im Projektionsraum geschossen wird). Da sprühen rote Farbfountaine alá "Natural Born Killers".

Ein letzter Wermutstropfen, der ins Auge fällt (oder genauer gesagt, ins Ohr geht) ist der eher minimalistische und wenig innovative Soundtrack bei "Inglourious Basterds" (zwar versucht Tarantino eine interessante Grat-Wanderung zwischen Klassik und Western zu Beginn - "Für Elise" meets "Morricone" - doch ansonsten hört sich die musikalische Untermalung eher eintönig (western-lastig) an. Tarantino mag ja bekanntlich keine post-komponierten Musik-Soundtracks, er greift viel lieber auf bekannte oder wenig bekannte Pop-Songs zurück (was bei den "Basterds" aufgrund der Thematik problematisch war) oder zitiert neuerdings gern bereits in anderen Filmen verwendete Soundtracks (hier erstmalig die Selbst-Referenz auf seinen "Kill Bill").

All in all, ein genialer, sehr unterhaltsamer Film mit durchdachten, sehr spannenden Dialogen und interessanten rethorischen Psychoduellen (mit deren fatalen Konsequenzen); wie bisher ausnahmslos bei Tarantino, gehört auch "Inglourious Basterds" zu der oberen Liga der Kinofilme des Jahres. Eine besondere Hervorhebung verdient auch die große schauspielerische Leistung sämtlicher Darsteller (vor allem der deutschen Schauspieler - und ja, Til Schweiger ist ein begnadeter Schauspieler und bei Tarantino sehr effektiv untergebracht - die Regie liegt ihm dabei weniger).
Zwar enthält der Film unbestreitbar narrative Schwächen (stellenweise zu linear) und lässt die Bedeutung der Basterds etwas untergehen, doch die Thematik, die dialog- und gewalttendentielle Exploitation, überraschende Wendepunkte, sehr talentierte Regie, die Tarantino-Stilmittel (Mexikan-Stanoffs, Unteransicht der Opfer wie aus Autokofferraum, Gewaltexzesse, unzählige Filmzitationen) und beeindruckende Bilder entschädigen den Zuschauer vollkommen (auch über gewiße Längen einiger Szenen).
"Inglourious Basterds" schwimmt dabei eher auf Tarantinos etwas neu ausgerichteten Welle nach 2000 ("Kill Bill" und "Death Proof" sind dabei seine logischen Vorgänger) und Fans der Vorgänger kommen auf ihre Kosten.
Bastian TEAM sagte am 21.08.2009 um 22:10 Uhr

Ganz ehrlich muss ich schon gestehen, dass der Film ne leichte Enttäuschung war. Jetzt nicht im Sinne davon, dass er schlecht ist, aber gemessen am sonstigen Tarantino-Output neben KILL BILL VOL. 2 schon ein schwächeres Werk. Die größten Probleme sehe ich in der Länge und darin, dass die Einteilung in die Kapitel eine echte Homogenität zerstört (im Prinzip hätte man sich z.B. die zwar ganz unterhaltsame aber völlig überflüssige Episode im Bierkeller sparen können). Bis auf Mélanie Laurent hat mir eigentlich kein Charakter völlig zugesagt - wie bereits erwähnt sind die titelgebenden Basterds nur Randfiguren und Christoph Waltz spielt super, übertreibt seine Rolle aber zum Schluss etwas...und Diane Krüger und Til Schweiger sind wohl die bisher schlechtesten Schauspieler in einem Tarantino ever!

Ne Bewertung fällt mir momentan schwer, möchte mir den dafür lieber nochmal geben - vielleicht zündet der Funken ja dann erst richtig.
Asokan TEAM sagte am 22.08.2009 um 09:49 Uhr

@ zombie-power

Es lag mir nicht daran, zu suggerieren, dass der Film qualitativ darunter litt, dass er schnell heruntergekurbelt wurde. Für einen aufwendigen Film wie diesen ist es schon bemerkenswert wie schnell er hergestellt wurde, aber auch wenn Tarantino mehr Zeit gehabt hätte, wäre der Film wohl genau so herausgekommen. Schließlich ist Tarantino ein Perfektionist, der seine Filme immer sehr penibel inszeniert. Das Problem ist nur: er könnte eine Stunde aus diesem Film herausschneiden ohne das irgendjemand was vermissen würde. (Eine zeitlang war der Film ja auch als TV-Mehrteiler geplant und es wurde auch überlegt, zwei Volumen herauszubringen wie bei "Kill Bill".)

Es stimmt, dass Tarantino Figuren aus eher 'niederen' bis zu regelrecht trashigen Vorlagen (Pulp, Crime, Blaxploitation, Samuraifilm, Weltkriegsabenteuer etc.) nimmt und sie mit größerer Komplexität ausfüllt. Als ein ernstzunehmendes "Selbstjustizdrama" mag ich den Film aber deshalb noch nicht auffassen: Hier wird zwar zuweilen pathetisch gestorben, aber die ironisierenden und absurden Momente versperren die emotionale Anteilnahme (ein Problem, das etwa "Pulp Fiction" und "Reservoir Dogs" nicht hatten).

Geniale Dialoge habe ich eher vermisst (die rassistische King-Kong-Lektüre ist so alt wie der Film von 1933) und warum Schweiger ein begnadeter Schauspieler sein soll, geht mir nicht ganz auf (er hat in seinen US-Filmen bislang immer den "heavy" gespielt und hier tut er es nur umso effektiver), aber Richardsons Kameraarbeit ist wirklich fabelhaft und Tarantinos detailverliebte Auseinandersetzung mit der Kinokultur des Dritten Reiches ist auch eines der interessanteren Aspekte des Films.

Mein Grundproblem mit "Basterds" ist: Der Film als Gesamtwerk überzeugt mich weniger als die Summe seiner Elemente, die qualitativ so stark variieren, dass wir einen bestenfalls unebenen Film mit ebenso vielen Höhen wie Tiefen haben. Dass er dennoch absolut sehenswert ist bezweifelt dabei keiner.

Und wer weiß... in ein paar Jahren werd ich mir den Film nochmal anschauen und vielleicht gefällt er mir dann etwas mehr, auch wenn ich es eher bezweifle (mit "Death Proof" etwa hatte ich beim zweiten Mal weniger Nachsehen als beim ersten).
k. TEAM sagte am 22.08.2009 um 15:54 Uhr

Ich erwarte wegen dem Trailer eine Menge von dem Film. Ich bin wirklich gespannt, ob er meinen Erwartungen gerecht werden kann. Wünschenswert wäre es, aber ob er es schafft? Wir werden sehen.
Micha Barbarez sagte am 25.08.2009 um 13:53 Uhr

Grossartig ! Grandiose Darstellerleisttungen, insbsondere von Waltz, der Französin ( "Shosana"), Sylvester Groth als Goebbels und auch August Diehl in einer kleinen feinen Nebenrolle. Den Basterds wird ( u.a Pitt, Schweiger und Kommissar Rex, G. Burkhard) erstaunlich wenig Raum gegeben um sich zu entfalten. Der überwiegende Teil der Basterds sieht zudem net sehr furchterregend aus, sondern wie jüdische Internatsschüler. Über die Hinergründe vom Bärenjuden Eli Roth und Brad Pitt hätte man auch gut nen kleinen Einspieler machen können wie bei " Stieglitz" Schweiger. Diane Kruger spielt erwartungsgemäß schlecht, wird dafür aber auch dankenswerter Weise von "Landa" Waltz für ihr schlechtes Schauspiel entsprechend bestraft...

Es fällt auf, dass Tarantino diesmal Musik dezenter einsetzt als sonst bei ihm üblich.

Des weiteren ist der Film dialoglastiger als gedacht. Die gesamten Actionszenen machen lediglich einen gefühlten Anteil von ca. 5 - 10 % des Gesamtfilms aus.Die Ballerei im Keller ist so schnell vorbei, dass man nochmal auf DVD nachschauen muss, wer da eigentlich auf wen geschossen hat. Für die DVD bietet sich dann der Bonusfilm " Stolz der Nation " von Roth an. Diesen Spass wird sich Tarantino bestimmt net nehmen lassen.Waltz spielt als Landa wirklich die Rolle seines Lebens und wird nächstes Jahr mit Sicherheit den wohlverdienten Oscar als bester ( Neben?)Darsteller erhalten.
Asokan TEAM sagte am 25.08.2009 um 22:12 Uhr

Schön: "jüdische Internatsschüler"!

Und sollte Waltz wider Erwarten nicht gewinnen, dann nur weil mal wieder ein anderer oft nominierter, aber noch nicht prämierter Schauspieler an der Reihe war.
Bastian TEAM sagte am 25.08.2009 um 22:26 Uhr

Der Waltz hat das schon ganz toll gemacht, keine Frage. Aber ging hier niemandem diese "Ist das ein Bingo?"-Aktion auf die Eier? Ich fand das richtig schlimm und hätte mich da am liebsten in Wasser verwandelt. Da fehlten mir nur noch Adam Sandler und sein Co-Star aus CHUCK & LARRY anstelle von Brad Pitt und seinem Kollegen, um diese peinliche Situation zur Perfektion zu bringen. Das hat mich in dem Moment sofort an KILL BILL VOL. 2 erinnert - die Szene mit Uma Thurmans Ausbilder ging auch gar nicht und hätte in jede dumme Ami-Komödie gepasst, aber nicht zu Tarantino.

Egal, der Film war trotzdem sehr gut...wenn auch schwächer als die anderen Filme von Q&T.
Asokan TEAM sagte am 25.08.2009 um 23:39 Uhr

Teile die "Bingo-Irritation", aber das war nicht die einzige Irritation des Films für mich... das Problem ist aber wohl Tarantino immer so hoch zu halten und zu erwarten, dass er nicht auch mal auf flache Witze zurückgreifen würde - etwa: "I should've been black mamba" aus "Kill Bill, Vol. 1" - oder belanglosen Quark zusammenschreiben würde wie in "Death Proof".

Hätte ein anderer Regisseur als Tarantino denselben Film in die Kinos gebracht, dann würde man ihm seine Schwächen wohl auch weit offener vorhalten als es damit zu entschuldigen, dass "es halt ein Tarantino-Film ist". Das ist so wie bei den Coen-Brüdern, Kubrick, Altman usw., die nach dieser Logik keinen schlechten Film machen können, weil selbst ein auf dem ersten Blick schlechter Auteurfilm nur noch nicht ganz verstanden wurde.
Bastian TEAM sagte am 26.08.2009 um 00:02 Uhr

Für mich hat ja DEATH PROOF noch ausgezeichnet funktioniert, ich finde der hat ziemlich authentisch dieses Trash-Feeling transportiert (auch wenn viele das anders sehen). Bei BASTERDS hab ich manchmal das Gefühl, dass der zu viel will - weniger ist halt manchmal mehr. Gerade auch die "Romantik-Geschichte" mit Brühl (der trotzdem auch super gespielt hat) hat bei mir z.B. nicht richtig gefunkt. Wie schon von dir gesagt: Tarantino hat einige echt superbe Einzelteile erschaffen, die aber am Schluß nicht recht harmonieren wollen. Deswegen gehe ich an BASTERDS auch beim nächsten mal wie an einen echten Episodenfilm ran.
travisbickle TEAM sagte am 26.08.2009 um 18:08 Uhr

Nun, war nicht das Gute an DEATH PROOF, dass das scheinbar belanglose Zeug, welches Tarantino seinen Heldinnen in den Mund gelegt hat, gerade deswegen Spaß machte, weil es "belangloses Zeug" war...!? ;-)
Asokan TEAM sagte am 26.08.2009 um 18:17 Uhr

Tarantinos Helden und Heldinnen haben immer schon belangloses Zeug geredet, nur war das früher irgendwie interessanter, cleverer, cooler und hundertmal zitierfähiger als in "Death Proof" oder in "Inglourious Basterds". Können wir uns zumindest darüber einigen?
travisbickle TEAM sagte am 26.08.2009 um 18:25 Uhr

Zu INGLOURIOUS BASTERDS kann ich noch nichts sagen, hab den noch nicht gesehen. Und DEATH PROOF war eben von all dem, was Tarantinos Filme immer auszeichnete, ein kleines bisschen weniger. DEATH PROOF war cool, clever und zitierfähig - aber nicht so cool, clever und zitierfähig wie seine Klassiker... so würde ich es ausdrücken ;-)
k. TEAM sagte am 26.08.2009 um 20:42 Uhr

Was? Death Proof ist eine verdammte Katastrophe gewesen - viel zu lang und dumm. 20-30 Minuten weniger und der Film hätte einiges reißen können, aber nein, natürlich, ach, ich spare mir das. Der Film war jedenfalls zu lang und deswegen ätzend.

Inglourious Basterds hat mir besser gefallen. Fand ihn auch zu lang und der Plot war auch nicht so der Wahnsinn. Insgesamt würde ich sagen, dass der Film gutes Mittelfeld war, aber die Bombe, die ich mir erhofft habe, war es nicht. Mir hat der Storyteil mit der Französin übrigens am Besten gefallen.

Was mich besonders aufgeregt hat, war: Die französischsprachigen Passagen hatten Untertitel, aber die englischen nicht? Es wäre konsequent gewesen, wenn es bei den Basterds genauso gewesen wäre, zumindest bei denen, die kein Deutsch sprechen. Aber das kann man Tarantino wohl nicht ankreiden. Hätte der Atmosphäre aber gut getan.
Micha Barbarez sagte am 27.08.2009 um 10:38 Uhr

Wie kann ein guter Film denn zu lang sein ? Die " Basterds" hätten von mir aus auch 4 Stunden gehen können. Wenn Waltz gross ausspielt, könnte ich da endlos zuhören. Wenn die Girlies bei " Death Proof" dumm Tüch verzählen, nervt das schon nach ein paar Minuten ein wenig. " Death Proof " funktionniert für mich einfach nicht richtig, im Gegensatz zu den Basterds. Wegen der Untertitel, in Deutschland läuft überwiegend die synchronisierte Fassung mit Untertitelung der Franz. Passagen, dass ist natürlich subopimal und inkonsequent, aber eine Entscheidung des Verleihs, nich tvon Tarantino.
Asokan TEAM sagte am 27.08.2009 um 13:01 Uhr

In der Originalfassung sind alle Sprachen bis auf Englisch untertitelt. Warum hat man nicht den Film so belassen und statt zu synchronisieren, einfach alles außer die deutschen Passagen untertitelt? Wäre sinnvoller gewesen...
travisbickle TEAM sagte am 27.08.2009 um 18:35 Uhr

Also für mich war DEATH PROOF jedenfalls keine Sekunde langweilig. Hätte den Girls in der Barszene (Hälfte eins) sogar noch ein bisschen länger zuhören können. Die Dialoge haben ein perfektes Timing und strotzen vor Witz!
mücke sagte am 21.09.2009 um 15:34 Uhr

Ich denke auch, dass Death Proof ein missverstandenes Meisterwerk ist, aber das ist ein wenig Off-Topic, hier geht es schließlich um die neueste Schöpfung des Meisters, und die hat es in sich.

Es strotzt, meiner Meinung nach, nur von Unwissenheit und/oder Geltungssucht, diesen Film schlecht zu machen. Er ist clever, keine Sekunde zu lang (Mozart wurde übrigens ähnliches unterstellt, nur mit zuvielen Noten) und absolut packend. Für einen Tarantino sogar überraschend packend, denn Thrill war nie ein Mittel des Meisters, welches er in diesem Film aber hervorragend zu nutzten weiß.

Ich denke, der Film ist sich der eigentlichen Lächerlichkeit der nationalistischen Ideologie bewusst und kokettiert diese perfekt. Allerdings ist er sich auch der Ernsthaftigkeit der Umsetzung dieser bewusst und nutzt diesen Mix für absolut schweißtreibend spannende Szenen. Manchmal wechselt es so verdammt schnell zwischen komisch und grausam, dass man fast einen Emotionskollaps bekommt.

Kurz und schmerlos. Super Film, Super Besetzung (bis auf Frau Krüger), toller Sound, genial dämliche Story und ein klasse Aufbau. So frisch und provokativ muss ein Film im 21. Jh aussehen.
Asokan TEAM sagte am 21.09.2009 um 17:04 Uhr

An Tarantino scheiden sich wirlich die Geister. Wie bei anderen eigenwilligen Filmemachern (Fassbinder, Herzog, Wenders, DePalma, Ozu, Tarkovsky, die Coen-Brüder usw. usf.) gibt es begeisterte Anhänger, die jede künstlerische Entscheidung, jeden Film des Filmemachers anstandlos verteidigen, weil er ja die Handschrift des ausgewiesenen Meisters trägt. All jene, die es wagen, sich kritisch zu äußern, werden der Unwissenheit oder Geltungssucht beschuldigt. Aber so war das schon bei früheren Regisseuren und wird wohl auch immer so bleiben.
travisbickle TEAM sagte am 21.09.2009 um 17:28 Uhr

Nun ja die genannten Regisseure (Tarkovski, Wenders, die Coens...) haben sicherlich auch den ein oder anderen Rohrkrepierer in ihrer Karriere verzapft (bei den Coens erinnere ich mich da an "Ein unmöglicher Härtefall" oder "Ladykillers"). Aber ich denke nicht, dass solche Vorschusslorbeeren wie z. B. bei Tarantino nur damit etwas zu tun haben, dass "Tarantino" draufsteht und mangelnde Qualität als versteckte "Arthousigkeit" interpretiert wird. Selbst viele unverbesserliche Fans von solchen Filmemachern würden doch merken, wenn die Arbeit ihres Lieblings mal nicht so prall wäre.

Aber was rede ich: Ich habe mir die BASTERDS leider immer noch nicht angesehen. Hoffentlich komme ich am Wochenende mal dazu; hatte bis jetzt nicht die Zeit und Muse dafür...
Asokan TEAM sagte am 21.09.2009 um 18:16 Uhr

Ich würde ja meinen, dass sich Tarantino mit seinem Beitrag zu "Four Rooms" bereits einen fürchterlichen Rohrkrepierer geleistet hat und mit "Inglorious Basterds" und "Death Proof" zwei zweifellos interessante, aber nicht ganz überzeugende und sehr selbstverliebte Filme geleistet hat.

Und nachdem De Palma selbst für einen langweiligen Film wie "Mission to Mars" von französischen Kritikern und Auteur-Enthusiasten umjubelt wurde, glaub ich nicht, dass sich die Fans die Filme unvoreingenommen anschauen... aber dann wiederum: wer tut das schon? ;-)
mücke sagte am 21.09.2009 um 19:28 Uhr

Nunja, Asokan, ich bin, was Tarantino anbelangt, nicht unvoreingenommen, was ich aber auch bei anderen Regisseuren oder eben Regisseur-Brüdern nicht bin. Wenn mir ein Film gefällt, gefällt er mir. Ganz einfach. Ist es anders, finde ich den Film doof, das weißt du von District9.

Aber IB ist ein grandioser Film. Jede Szene für sich ist genial. Man mag die Art nicht mögen, aber dann sitzt man im falschen Film. Wo der Ur IB noch ein harmloser Loserkriegsfilm war, mit völlig überzogenem und peinlichen 60/70er-Jahrehumor, ist der neue eine filmische Sensation.

Und einfach schauspielerische Leistung unter den Tisch zu kehren, weil ja alle anderen schon gelobt haben, macht alles ein wenig lückenhaft.

Aber seien wir ehrlich. Dieser Film spaltet wieder einmal die Lager. Ist so und wir immer so bleiben.
Asokan TEAM sagte am 21.09.2009 um 21:17 Uhr

Interessant ist aber doch wie der Film entweder in den Himmel gelobt wird oder eben nicht. Und ich sage ja auch gar nicht, er hätte mir komplett missfallen, der Film hat seine tollen Szenen (die erste Szene, die Kneipenszene), seine tollen Darsteller (Waltz, Diehl), nur dass man gleich alles an diesem behäbigen, selbstverliebten Film für genial erklärt zeigt dann doch von zuviel Fanliebe. Der sinnlose Cameo-Auftritt von Mike Myers, die überflüssigen Rückblenden zu Schweigers Misshandlung durch die Nazis (als könnten wir aus seinem Gesicht nicht lesen, dass er sie hasst), die überflüssige Basterds-tretet-vor-damit-ihr-im-späteren-Film-kaum-mehr-auftaucht-Szene, das immerselbe oho-ich-sitze-mit-einem-Nazi-an-einem-Tisch-Szenario, die abgedroschenen Einsichten (King Kong war eine Metapher für den schwarzen Sklaven - gibt es sonst was Neues?), die unsäglich gewundenen und pseudo-cleveren Dialoge, gesprochen von mitunter langweiligen Darstellern (Krueger, Pitt). Und nur zur Info: "Pulp Fiction" war excellent, "Reservoir Dogs" leicht amateurhaft, aber eindrucksvoll, "Jackie Brown" eine reife, intelligente Arbeit, die "Kill Bill"-Filme sehr unterhaltsames Kino der Exzesse und "Death Proof" ging so.

Wenn mir also ein Film gefällt, nicht gefällt oder sich irgendwo dazwischen bewegt, dann ist es nicht einfach so, sondern hat immer seine Gründe. Und man sitzt grundsätzlich nie im falschen Film, außer natürlich Uwe Boll hat ihn gedreht. ;-) (Aber selbst dieser Mann hat seine Anhänger!)
mücke sagte am 22.09.2009 um 12:19 Uhr

hey, nichts gegen uwe boll...;-)

das ding ist, dass man bei einem film nicht immer 100 prozentig sagen kann, warum er einem gefällt, oder nicht. ich gebe ja zu, dass ich es nicht immer begründen kann. Lotte Eisner (große Filmkritikeren der frühen Filmjahre) sagte mal, dass sie ein Film berührt oder kalt lässt und so sehe ich das auch. Ein Film ist ja zu allererst mal ein Kunstwerk, dessen Ästhetik berührt oder nicht. Erst dann kommt die Analyse seiner einzelnen Teile. Aber wenn einem im ersten Augenblick die Ästhetik gefällt, analysiert man auch ganz anders, als wenn sie einem missfällt.

Klar, Krüger ist überflüssig und super, superschlecht und ich persönlich hätte Till Schweiger gar nicht mit reingenommen, schon alleine, weil seine Figur überflüssig ist. Aber was die Geschichte der Bastards anbelangt: Tarantino hat sich ganz bewusst entschieden, die Nebenhandlungen auszuführen. Die Bastards selbst sind ne Gruppe total hirnamputierter Mörder, die den Film nicht hätten füllen können. Außerdem gibt es ja das Original, in dem man sich das die ganze Zeit anschauen kann.

Der Film selber erzählt ja eigentlich die Geschicht der Dreyfuss, sie ist schließlich mehr oder weniger die Protagonistin des Films.

Ich stimme dir zu, dass nicht alles an dem Film perfekt ist, gerade die deutsche Besetzung ist bis auf wenige Ausnahmen eine mittlere Katastrophe, aber dafür holen die anderen alles wieder raus.

Micha Barbarez sagte am 22.09.2009 um 14:17 Uhr

@Mücke
Wat ? Die deutsche Besetzung ist eine Katastrophe ?
Welchen Film hast du denn gesehen ? Krüger , klar die geht mal gar nicht. Wuttke und Groth als Hitler und Goebbels sind doch grossartig, wenn auch bewusst überzeichnet. Schweiger macht das, was von seiner Rolle erwartet wird, böse gucken, dass läuft aber solide. Brühl ist in seiner Rolle auch net übel, der nette, tapfere Soldat, der zum Ende hin auch ganz anders kann. August Diehl in einer kurzen bösen Rolle und selbst der deutsche Schauspieler der den Soldaten spielt, der von Eli Roth totgeprügelt wird, überzeugt in seiner kurzen Szene. Gideon Burkhard fand ich als Basterd etwas belanglos, aber keinesfalls enttäuschend oder gar katastrophal. Und Christoph Waltz als deutschsprachiger Schauspieler, der von Tarantino konsequent zu den Deutschen gezählt wird, war sowieso einmalig. Schade, dass Christian Berkel so eine Minirolle hatte, der ist nämlich auch ein richtig guter Schauspieler.I.B. ist ein Glücksfall für den deutschen Film.
mücke sagte am 22.09.2009 um 15:58 Uhr

Bis auf Wenige Ausnahmen...Waltz ist eine Ausnahme. Sonst kann ich mit dt. Schauspielern nicht viel anfangen. Goebells und Hitler sind überzeichnete Comicfiguren, spitze integriert, aber schauspielerisch eben nicht auffällig.
Brühl nehme ich seine vielschichtige Rolle einfach nicht ab. Er hat nur ein Gesicht. Da hätte mehr kommen müssen. Seien wir ehrlich. Hätte Tarantino seine Finger nicht im Spiel gehabt, wäre keiner der Deutschen auch nur ansatzweise so "gut" gewesen. Sie sind akzeptabel, werden aber, bis auf die Ausnahmen, von den internationalen Schauspielern an die Wand gespielt.
Gerade die Französin (kommt die Frau wirklich aus Frankreich,...keine Ahnung) zeigt mit ihrem brachialen, starken Auftritt eine Meisterleistung und lässt ihre Gegendarstellering Krüger aussehen, wie eine Schülering in dartsellendem Spiel.
Auch der durchgeknallte Brad Pitt war mal wieder ein Hingucker.

Es ist einfach so, dass Tarantino stellenweise ja auch mit totalen No Names arbeitet, die aber in seinen anderen Filmen neben den großen Bekannten nicht verblassen. Und für mich war das der einzige Kritikpunkt an IB: Dass viele der Dt., nicht alle, neben ihren ausländischen Kollegen ein wenig verblassen.

Kruger nehmen wir raus: Die ist ja eher international im Geschäft und trotzdem fürchterlich.
travisbickle TEAM sagte am 22.09.2009 um 17:30 Uhr

@Asokan: Tarantinos FOUR ROOMS-Episode war wirklich net so doll wie ich erwartet hatte. Ich finde, da hat ihm sein Kollege Robert Rodriguez mit seiner Geschichte (Banderas als schmieriger Mafiatyp, dem seine Kinder auf der Nase herumtanzen), ausnahmsweise den Schneid abgekauft. Da haben wir sie doch noch, die wohl durchdachte Kritik eines Tarantinofans ;-)

Und mit de Palma hast du natürlich auch recht: MISSION TO MARS... geradezu fürchterlich!! Da schau ich mir doch lieber den anderen "Aussetzer" BLACK DAHLIA an...
travisbickle TEAM sagte am 30.09.2009 um 19:36 Uhr

Sich ein Filmgenre herauszupicken, dieses aufzubrechen und sich darin ein gemütliches Plätzchen zu suchen, von dem aus man etwas Neues, Innovatives erschafft – das ist Quentin Tarantinos Berufung. Egal ob „Rerservoir Dogs“, „Kill Bill“ oder sein ultimatives Meisterwerk „Pulp Fiction“: den geläufigen Hollywood-Regularien hat sich das ewige enfant terrible der amerikanischen Filmbranche noch nie unterworfen. Daher brodelte die Gerüchteküche, als der Kultregisseur, der sich einst seine Brötchen hinter der Theke eines Videoladens verdiente, seinen neuen Film „Inglourious Basterds“ (der Schreibfehler ist übrigens beabsichtigt!) nach der Festivalpremiere von Cannes einem Neuschnitt unterzog. Hatte Tarantino da etwa auf Drängen seines Produzenten Harvey Weinstein die fertige Fassung aus marketing-technischen Gründen um einige Minuten gekürzt? Derlei Spekulationen waren jedoch rasch verflogen, als das Multitalent öffentlich bekundete, lediglich ein Feintuning aus eigener Initiative vorgenommen zu haben. Und tatsächlich ist die überarbeitete Kinoversion der „unrühmlichen Mistkerle“ sogar minimal länger als der Cannes-Cut. Der Film selbst, von einigen Juroren etwas primitiv als „jüdische Rachefantasie“ bezeichnet, ist eine hinreißend absurde, verdammt unterhaltsame Farce, in der sich Tarantino die Freiheit nimmt, die historischen Begebenheiten um den Zweiten Weltkrieg nach Belieben umzuschreiben. Brillanter Nonsense als zeremonielle Metapher auf die Macht des Kinos.

Ganz in der Tradition tragikomischer Bühnenstücke entfaltet sich die Handlung des Films in fünf Akten respektive Kapiteln:

Kapitel Eins – Es war einmal... im von Nazis besetzten Frankreich: Ein Auftrag führt den eloquenten, aber sadistischen Nazi-Oberst Hans Landa (Christoph Waltz) zu der Farm des einheimischen Molkereibauern Perrier LaPedite (Denis Menochet), der im Verdacht steht, eine untergetauchte jüdische Familie im Keller seines Hauses zu verstecken. Bei einem Glas Milch und einer Pfeife kommen die beiden ins Gespräch. Landa redet eine Weile sanftmütig auf den Bauern ein, bis er seine Maske schließlich fallen lässt und die unter dem Holzfußboden kauernden Juden ohne mit der Wimper zu zucken von seinen uniformierten SS-Schergen exekutieren lässt. Eine junge Frau namens Shosanna kann dem Mordanschlag knapp entrinnen und flieht in die Felder. Kapitel Zwei – Inglourious Basterds: Eine Spezialeinheit von jüdischstämmigen GIs, die „Basterds“, unter der Führung von Lieutenant Aldo „dem Apachen“ Raine (Brad Pitt) ist hinter die feindlichen Linien vorgedrungen. Raine fordert seine Mannen in einer Ansprache dazu auf, dass jeder von ihnen ihm hundert Naziskalps als Trophäen bringen soll. Ein Teil der deutschen Soldaten wird derweil vom gefürchteten „Bärenjude“ Sgt. Donny Donowitz (Eli Roth) mit dem Baseballschläger zu Klump gehauen. Wer von den Nazis sich kooperativ zeigt, kommt zwar mit dem Leben, nicht aber ohne ein in die Stirn geritztes Hakenkreuz davon.

Kapitel Drei – Deutsche Nacht in Paris: Die Jüdin Shosanna (Mélanie Laurent), mittlerweile eine erwachsene Dame, betreibt inzwischen ein Lichtspielhaus im Zentrum von Paris. Als der deutsche Kriegsheld und Kinostar Fredrick Zoller (Daniel Brühl) den Propagandaminister Joseph Goebbels (Sylvester Groth) dazu überredet, die Uraufführung seines neuen Films „Stolz der Nation“ ausgerechnet in ebenjenes Lichtspielhaus zu verlegen, ist für Shosanna endlich eine Gelegenheit in Sicht, sich an den Mördern ihrer Familie zu rächen. Kapitel Vier – Operation Kino: Das Filmsternchen Bridget von Hammersmark (Diane Kruger) soll den deutschsprachigen Basterds Hugo Stiglitz (Til Schweiger) und Cpl. Wilhelm Wicki (Gedeon Burkhard) dabei helfen, sich in die geplante Premiere zu schmuggeln. Leider kommt alles anders als gedacht, als ein harmloses Kneipenspiel, bei dem jeder Beteiligte den Namen einer berühmten Persönlichkeit erraten muss, der auf einem an ihre Stirn gehafteten Klebezettel steht, in eine tödliche Orgie ausartet. Kapitel Fünf – Die Rache des Riesengesichts: Etliche Rollen von hoch brennbarem 35mm-Nitratfilm, die Shosanna während der Filmvorführung entzünden will, sollen das gesamte Hitler-Regime in ein Häuflein Asche verwandeln. Die Falle ist gespannt...

Etwa zehn Jahre soll das Manuskript zu der irrwitzigen Weltkriegsfabel in Tarantinos Schreibtischschublade verstaubt sein. Da die umfangreiche Erzählung nach Aussage des Regie-Wunderknaben nämlich genügend Stoff für eine zwölfteilige Miniserie bereitgehalten hätte, musste zunächst ein Weg gefunden werden, wie man das Ganze auf einen zweieinhalbstündigen Kinofilm straffen kann. Erst im vergangenen Jahr könnte der Startschuss für die Dreharbeiten des 70 Millionen Dollar teuren Streifens gegeben werden, die unter anderem in den Babelsberger Studios zu Berlin und im sächsischen Görlitz über die Bühne gingen. Auch wenn für den Film inoffiziell Robert Aldrichs „Das dreckige Dutzend“ Pate gestanden haben muss, basiert „Inglourious Basterds“ lose auf Enzo G. Castellaris italienischem Trashreigen „Ein Haufen verwegener Hunde“ (1978), dessen Hauptakteure Cheech Marin und Fred Williamson von Tarantino später für seinen Gangster- und Vampirreißer „From Dusk Till Dawn“ verpflichtet wurden. Folgerichtig saugt „Inglourious Basterds“ den Geist alter Spaghettiwestern in sich auf – von den sarkastischen Onelinern zwischen den von brachialer Soundkullisse erfüllten Feuergefechten bis hin zum pompös-orchestralen Score von Urgestein Ennio Morricone, der bereits für über 500 Filme den Taktstock geschwungen hat.

Mit diebischer Freude lässt Tarantino die Erwartungen der Fans einmal mehr ins Leere laufen. „Inglourious Basterds“ weigert sich strikt, sich in irgend eine spezielle Schublade stecken zu lassen. Obwohl der Film sich offensichtlich am staubtrockenen, lakonischen Charme schmutziger Eurowestern orientiert, laufen die messerscharfen Dialoge – jeder einzelne ein Highlight für sich – diesem Ansatz konsequent zuwider. Dabei ist der von einer kontinuierlichen (An-)Spannung durchzogene Prolog, in dem Judenschlächter Landa rund zwanzig Minuten zweideutig um den heißen Brei herum redet und mit dem bemitleidenswerten Bauern verbalen Pingpong spielt, das Eintrittsgeld schon ganz allein wert. Tarantino zelebriert solche Szenen bis zum Exzess, kostet sich bis ins kleinst Detail genussvoll aus und zieht auf tollkühne Weise alle Register seiner grenzenlosen Fantasie. Die von maßgeschneiderten Sommerblockbustern verwöhnten Mainstream-Aficionados werden ob solcher vereinnahmender Eigenwilligkeiten – wie schon bei „Death Proof“ - zwar verschreckt die Stirn runzeln, doch kann man Tarantino nur schwer Selbstverliebtheit unterstellen, solange das Zusehen derartiges Vergnügen bereitet wie hier. Urkomisch die Szene, in der sich Raine und Donowitz im Foyer des Kinos als Südländer ausgeben und mit behelfsmäßigen Brocken Italienisch über Wasser halten, bevor sie mit dieser Lüge eine böse Bruchlandung erfahren.

Auch die täuschend authentisch wirkende Kriegsfilmverkleidung nutzt Tarantino lediglich als Plateau, um seine unbändige Liebe zum Kino abermals hinreichend zu demonstrieren. Dass Adolf Hitler und seine Gefolgsleute wie Göring, Goebbels & Co. Hier ausgerechnet durch leicht entflammbares Zelluloid zu Tode kommen, spricht Bände. Tarantino ist ein hoffnungsloser Filmverrückter, dem das Kino seit Kindertagen in den Adern fließt. Daher sei ihm natürlich auch die Lizenz für die eine oder andere Abänderung in den fest verbindlichen Geschichtsbüchern erteilt. Mit Selbstreferenzen und Querverweisen hält der Meister indes auch in seinem neuesten Streich nicht hinterm Berg: Brad Pitts Figur Aldo Raine nimmt etwa unmittelbar Bezug auf Aldo Ray, den Star zahlloser billiger B-Movie-Schinken der 50er Jahre. Der von „Hostel“-Regisseur Eli Roth verkörperte „Bärenjude“ Sgt. Donowitz ist ein Namensvetter des Filmproduzenten Lee Donowitz aus „True Romance“. Der Name des Rekruten Wilhelm Wicki ist eine Anspielung auf Bernhard Wicki, den deutschen Nachkriegsregisseur und -schauspieler. Dazu übernimmt Tarantino ein Musikstück aus „Kill Bill“ und kopiert offenbar ganze Kamerafahrten und -einstellungen seines zweiteiligen Racheepos`, inklusive eines Schwenks aus der Adlerperspektive über die Flure von Shosannas Kino, der jenem über das Interieur des japanischen Teehauses ähnelt, in dem Uma Thurman die „Verrückten 88“ mit ihrem Samuraischwert zum Todesballett bittet. Einen besonderen Platz räumt Tarantino darüber hinaus dem deutschen Kino der 30er und 40er Jahre ein. Huldigungen einstiger UFA-Größen wie Emil Jannings, Georg Wilhelm Pabst und Leni Riefenstahl, auf die Tarantino große Stücke setzt, ziehen sich durch den gesamten Film.

Dass das querdenkenden Mastermind aus der Stadt Knoxville im Bundesstaat Tennessee in den gut siebzehn Jahren seiner Regisseurslaufbahn schon einigen in der Versenkung verschwundenen Stars zu Sensations-Comebacks verholfen hat, ist bekannt. Sei es nun John Travolta („Pulp Fiction“), Kurt Russell („Death Proof“) oder auch Blaxploitation-Heroine Pam Grier („Jackie Brown“). Dass ein Til Schweiger trotz angestrengter Gehversuche in Hollywood nie richtig dort Fuß fassen konnte, daran wird sich wohl auch durch „Inglourious Basterds“ nicht viel ändern, auch wenn der gebürtige Freiburger als Nazijäger mit unruhigem Finger am Pistolenabzug wunderbar gegen den Strich besetzt ist. Brad Pitt schafft mit dem verwegenen Anführer der „Basterds“ einen weiteren ikonografischen Charakter und kann in Sachen Coolness an goldene „Fight Club“-Zeiten anknüpfen, wobei die Rolle des Aldo Raine die des demoralisierenden Seifenverkäufers Tyler Durden zumindest in Schrägheit und Wortwitz noch übertrifft. Die herablassenden „Kosenamen“, die sich Lt. Raine für die verhassten Nazifeinde ausdenkt, sind herrlich originell. Und auch die restlich deutsche Schauspielgarde gibt sich keine Blöße und ist neben den an vorderster Front auftrumpfenden Herren Brühl, Diehl und Burkhard bis in die Statistenrollen hinein prominent besetzt. Die vielerorts gescholtene Diane Kruger muss im direkten Vergleich mit ihren deutschen (und internationalen) Kolleg(inn)en zwar etwas zurückstecken, ist aber beiweitem nicht so schlecht, wie es in der Fachpresse zu lesen war.

Als echte Entdeckung erweist sich Mélanie Laurent, die sich als neue Muse Tarantinos problemlos ins Rampenlicht katapultieren dürfte. Mit eng anliegendem roten Kleid, mondänem Gesichtsschleier und Zigarettenspitze wirkt der französische Shootingstar nicht nur äußerlich wie eine femme fatale der „Schwarzen Serie“, im furiosen Schlussakt, einer Art Mexican Standoff im Dritten Reich, macht sie diesem Titel auch inhaltlich alle Ehre. Und Tarantino, der Madame Laurent mit der Kamera regelrecht umschmiegt, belegt mal wieder eindrucksvoll sein Händchen für absolute Idealbesetzungen. Getoppt wird das alles noch vom Österreicher Christoph Waltz, vor dessen Leistung man sich eigentlich nur ehrfurchtsvoll verneigen kann. Waltz bewegt sich als intellektueller, welt- und wortgewandter SS-Vollstrecker Hans Landa mit Bravour auf der Schnittstelle zwischen gefasstem, überlegtem (Kriegs-)Taktiker mit hoher Menschenkenntnis und brutalem, größenwahnsinnigem Soziopathen, der so ganz anders ist als man sich einen herkömmlichen Nazi vorstellt. Landa verhöhnt das diktatorische Regime, er steht sozusagen über ihm. Er ist ein abgehobener Machtfetischist, der seinen niederträchtigen Job als Mittel zum Zweck missbraucht, um sich selbst zu inszenieren, in den Mittelpunkt zu rücken. Waltz, der als verdienten Lohn für sein schauspielerisches Husarenstück bereits den Darstellerpreis in Cannes bekam, ist, wenn es so etwas wie Gerechtigkeit auf dieser Welt gibt, auch ein heißer Kandidat für die kommende Oscar-Verleihung.

Summa summarum: „Inglourious Basterds“ ist ein definitives Muss im Kinojahr 2009! Die grandiose, ungezügelte, vor durchgeknallten Ideen und Finessen überschäumende Weltkriegsmär mit einem Schuss Italowestern nimmt weder auf die Erwartungshaltung der breiten Masse noch auf historisch belegte Fakten Rücksicht – und macht gerade deshalb enormen Spaß. Trotz mancher klitzekleiner „Flüchtigkeitsfehler“ bei der Homogenisierung der einzelnen Episoden, die dem Meister aufgrund seines begeisternden Wagemutes aber blind verziehen werden, ist der neue Tarantino ein erfrischender Geistesblitz mit einem Hauch von Genialität. Popkultur meets World War II, Pulp noir und Spaghettitrash – das mundet!
Zombie-mower TEAM sagte am 30.09.2009 um 20:29 Uhr

danke, travisbickle, für diese in die tiefe gehende rezension/abhandlung; du sprichst mir aus dem Herzen - Tarantino's "Basterds" ist ein genialer und gewagter Genremix, der virtuos und voll mit irrwitzigen Ideen und Wortwitz gefüllt ist;
Tarantino sagte in einem Interview: "I don't make movies for America or Europe - I make movies for the planet earth."
und ich glaube das beschreibt am besten den Grund für sein irres Konglomerat aus zeitlich und national grenzenlosen Filmzitaten aus der ganzen Filmgeschichte, internationaler Schauspielauswahl und Filmgenre-Sprünge

auch von meiner Seite eine unbedingte Empfehlung der Kinofilme für das Jahr 2009
borat1970 sagte am 30.09.2009 um 21:13 Uhr

@ travisbickle Klasse Kritik! Mein Respekt!
travisbickle TEAM sagte am 01.10.2009 um 17:08 Uhr

Danke für das Lob :)
Flo TEAM sagte am 06.01.2010 um 18:46 Uhr

Tarantinos Ent-Mythifizierung der Nazi-Ikonografie ist im Rückblick eines meiner Highlights 2009. Diesen Film kann man gar nicht genug wertschätzen!

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