(USA, 1978)
„If you´re going to San Francisco
Be shure to wear some flowers in your hear”
(Scott McKenzie, “San Francisco")
„They´re here!!!“
Preisfrage: Wozu sind Remakes gut? Meistens zu gar nichts. Ganz im Ernst; alte Filme in zeitgenössischem Setting (wenn überhaupt) und neuem Personal erneut abzufilmen, das ist doch witzlos.
Es gibt die rühmlichen Ausnahmen. Eine davon setzte Philip Kaufman in die Welt. Das Remake eines Horrorklassikers, das selbst zum Klassiker wurde. Eine dunkle Straße ohne Ausweg, die direkt in Donald Sutherlands weit aufgerissen Schlund führt. Er verschlingt den Zuschauer, er verschlingt alle Hoffnung, doch der Film dazu ist heute noch ein Stück geniale Spannungskunst. Eine Selbstverständlichkeit? Oh nein.
Vor allem im Horrorgenre ist es seit vielen Jahren eine exzessiv praktizierte Einfallslosigkeit, verdiente Spannungsklassiker durch die Recycling-Maschine zu jagen. (Siehe Remakes von
The Fog,
When a Stranger Calls,
Hitcher - Der Highwaykiller, und so weiter und so fort.) Heraus kommen meistens nichtswürdige Imitationen mit jungen Springinsfelden, die auf dem Weg zu
MTV´s Dismissed die falsche Abkürzung genommen haben. Das einzig gruselige ist der Kinderrock, den sie Soundtrack nennen.
Wenn ein Film gut ist, warum ihn überhaupt noch einmal drehen? Eine pragmatische und ökonomische Antwort lautet: wenn 1. ein Stoff noch heute aktuell ist, oder auch: wieder aktuell ist und Erfolg an den Kinokassen verspricht, und weil 2. mit alten Filmen kein Geld zu verdienen ist, wird 3. ein Remake gedreht. Diese Perspektive übersieht man leicht, wenn man zu den leidenschaftlichen Überzeugungstätern gehört und im Dienste der Kunst schreibt. Man lernt also besser, damit zu leben.
Die besten Remakes sind meistens die, die den Originalstoff modellieren und neu definieren, statt einfach nur nachzumachen. John Carpenters
The Thing (
Das Ding aus einer anderen Welt, 1982) ist so ein Beispiel. Das Original von Howard Hawks und Christian Nyby (1951) war noch zu erkennen, nur änderte Carpenter die Personenanordnung, schmiss die Handlung um. Das Setting lies er bestehen, denn er wusste, dass das ewige Eis der Antarktis einen tollen Schauplatz abgab. Es wurde Carpenters größtes Glanzstück. Oder: David Cronenbergs
The Fly (
Die Fliege, 1985). Streckenweise eklig, aber absolut feine Genrekost auf hohem Niveau. (Vorausgesetzt, man kann mit Cronenbergs notorischer Biologiefeindlichkeit leben.)
Und es sei noch daran erinnert, dass zwischen Original und Neuverfilmung zwanzig bis dreißig Jahre liegen und sich cinematographische Ausdrucksmöglichkeiten selbstredend weiterentwickeln. Philip Kaufmans Interpretation von Don Siegels Klassiker
Invasion of the Body Snatchers (
Die Dämonischen, 1956) gehört zu den eigenwilligen Remakes, die ihr Original in gewisser Weise sogar übertreffen.
Schauplatz ist immer noch Kalifornien, doch keine kleine Vorstadt, sondern das pulsierende San Francisco. Dort erfreuen sich die Bewohner seit einigen Tagen an einer neuartigen Pflanze, die in der ganzen Stadt wächst, doch keiner weiß, woher sie gekommen ist. Die Kamera begleitet die Hauptperson, Matthew Bennell (Donald Sutherland) auf seinen Streifzügen durch einschlägig berüchtigte Restaurants. Er ist Angestellter beim Gesundheitsamt (!).
Eines Tages fangen die Menschen um ihn herum an, verrückt zu spielen: seine Freundin und heimlich Angebetete, Elisabeth Driscoll (Brooke Adams), sein Freund, der erfolglose Schriftsteller Jack (Jeff Goldblum), selbst der Chinese von der Reinigung um die Ecke. Alle behaupten, Ehepartner und Freunde hätten sich über Nacht verändert, seien abweisender und kälter geworden, hätten ihre Persönlichkeit verloren, wären zu einer Bedrohung geworden. „Sie ist falsch. Das ist nicht mehr meine Frau.“
Matthew, ganz Rationalist, glaubt es nicht. Bis er eines Nachts vor einem (noch) leblosen Körper steht, der dem seines Freundes Jack, der direkt neben ihm steht, wie ein Ei dem anderen gleicht.
Kaufman gelang ein Film, der heute noch zu den fruchterregendsten und düstersten Horrorstreifen zählt, die jemals gemacht wurden. Ganz in der einzigartigen Sprache des New Hollywood der Siebzigerjahre geschrieben, ist
Invasion of the Body Snatchers in der 1978er Version selbst ein Klassiker geworden und geblieben. Das liegt an Sujet und Inszenierung gleichermaßen.
Das San Francisco, das hier in blassen Bildern eingefangen wurde, ist kein kuscheliges Hippieparadis. Sonne gibt es nicht oft zu sehen, eher regnet es. Viele Einstellungen spielen nachts. Das mag für Horrorthriller nichts bemerkenswertes sein, aber in Verbindung mit dem Invasionsthema unterstützen sie das Gefühl von Unsicherheit und Bedrohung, das mit jeder Szene größer und bedrückender wird.
Auch hat Kaufman ein ganz simples Stilmittel aus der Mottenkiste gezaubert, das mit dem Ende des Schwarzweiß-Films etwas in Vergessenheit geriet: das Spiel mit Licht und Schatten. In mehreren Szenen lässt er seine Protagonisten ins Halbdunkel abtauchen, Gesichter in extremen Beleuchtungen und vor geschickt postierten Spiegelkonstruktionen zu kafkaesken Fratzen gerinnen. Das sind nicht nur morbide Bilder, die leichtes Unwohlsein erzeugen. Sie zeigen, wie hinterhältig und effektiv Kaufman die suggerierten Angstvisionen vom Identitätsverlust visuell ergänzt und verstärkt. Matthew taumelt durch einen Irrgarten, und die Feinde werden Stunde um Stunde mehr.
Auch das Sounddesign hat es in sich. Sinistre, psychotische Syntheszier-Teppiche, elektronische Geräusche, durch medizinische Instrumente erzeugt und verfremdet. Sehr sparsam eingesetzt, aber gerade deshalb wirkungsvoll. (Im Gegensatz zu manchem Argento-Film, wo man selbst in ruhigen Szenen vom Hintergrundlärm erschlagen wird.) Auch der Schrei, den die Außerirdischen ausstoßen, wenn sie Menschen erkennen, die noch nicht zu ihnen gehören, fegt fast den Putz von den Wänden.
Dann: die sukzessive Spannungssteigerung. Nicht jeder Film versteht es, von der Normalität des Alltags seiner Protagonisten aus die Schlagzahl zu erhöhen, ohne sich im Tempo zu vergreifen oder auf halber Strecke stehen zu bleiben. Hier schafft es der Regisseur sogar, die Gefahr an allen Ecken und Enden aufbrechen zu lassen, ohne seine Protagonisten vorerst Notiz davon nehmen zu lassen. Merkwürdige Gestalten an Glastüren. Menschen die vor einer Gefahr zu fliehen scheinen, die noch kein Gesicht hat. Doch Matthew und Elisabeth merken erst mal nichts. Die Hektik der Großstadt ist ein heimtückischer Verbündeter. Wenn man nicht genau hinsieht, entgehen einem diese Details gänzlich.
Das Thema, ursprünglich aus dem gleichnamigen Jack Finney-Roman stammend, ist für Genreverhältnisse fast episch zu nennen, denn es geht um nichts weniger als den Untergang der Menschheit. Es berührt einen der ältesten und vertracktesten Diskurse der politischen Philosophie. Im Spannungsfeld zwischen den drei großen Antriebskräften des Denkens und Handelns (Vernunft, Gefühl und Trieb) ist es oft die Neigung des Menschen zum Emotionalen, die für Kriege und Krisen, Verbrechen und Gräueltaten verantwortlich gemacht wird. Diesem angenommenen Zusammenhang wird nun eine fiktive Alternative entgegen gesetzt.
Die Außerirdischen stellen der Menschheit in Aussicht, in einer Welt ohne Krieg und Verbrechen, ohne Hass und Leid leben zu können. Der Preis ist die Aufgabe jeglicher Emotionalität und Individualität gleichermaßen. Ein zu hoher Preis?
Andererseits: ist dieser angenommene Kausalzusammenhang, Emotionen und Triebe hier, Leid und Kriege dort, wirklich so zwingend?
In Aldeous Huxleys
Brave New World wird der Held, häufig nur „der Wilde“ genannt, am Schluss von Mustafa Mannesmann gefragt, in welcher Welt er denn sonst leben wolle, verzichtete man auf eine bis ins letzte Detail durchgenormte Gesellschaft. Ob er ernsthaft das Recht auf Unglück fordere (denn das wäre die logische Konsequenz dieser Forderung).
Ist das wirklich der Preis?
Kaufman war klug genug, auf so eine schwere Frage keine plumpe Antwort zu geben. Auch wenn es in diesem Film Gut und Böse gibt und die Dichotomie 'individualistischer vs. kollektivistischer Gesellschaftsentwurf' heute eine Spur zu grobkörnig anmutet. Doch der Zuschauer mag schon stutzig werden, denn wann haben in Horrorfilmen die Bösen schon mal Argumente zu bieten?
Die politischen Konnotationen sind etwas schwächer ausgeprägt als beim Original. 1956 diente Siegels Schreckensszenario von Infiltration fremder Mächte und Zerstörung der bekannten (amerikanischen?) Lebenswelt als Spiegelbild der Paranoia, die Kommunistenjäger McCarthy verbreitete. Man streitete sich über die Deutung: artikuliert und verstärkt Siegel dieses ideologische Fieber lediglich, oder war es ein sarkastischer Kommentar? Letzteres ist vermutlich richtig.
Kaufman hat bewusst die ehemalige Love & Peace-Hochburg San Francisco als Schauplatz gewählt. Bei ihm geht es nicht um Kommunisten, sondern um Yuppies. Auch das ist eine fast visionäre Leistung, er tauschte das alte Thema (das auch 1978 noch en vogue gewesen wäre) gegen einen Gesellschatfstrend, der gerade erst aufbrach. Es ist eine Vision der kommenden Achtziger und ihres Gegenentwurfs zur Hippie-Utopie der Sechziger. Das Bedürfnis nach Erkenntnis bezieht sich nicht mehr auf soziopolitische Zusammenhänge, sondern auf die psychologische Optimierung des Einzelnen. Davon legen die damals grassierenden Hilf-dir-selbst-Ratgeber Zeugnis ab. Nicht umsonst hat Drehbuchautor W. D. Richter dem salbadernden Dr. Kibner besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Ein Bestseller-Psychologe, der Dummschwätzerei mit Common Sence verwechselt. Man könnte es fast übersehen, Leonard Nimoey parodiert seine berühmte Mr. Spock-Rolle.
Die bösartigsten Assoziationen aber, die (implizit) zu finden sind, haben mit der jüngsten Zeitgeschichte zu tun. Die Art und Weise, wie die Außerirdischen ihre nach der Reproduktion nutzlos gewordenen ‚Originale´ entsorgen, entwickelt sich zu einem groß organisierten Treiben. Massenmord und Massenentsorgung. Dazu nächtliche Szenen mit Lastwagenkolonnen und Scheinwerfern. Das Grauen, das in solchen Bildern wohnt, hat seinen Ursprung in den Erinnerungen an Nazideutschland und der "Vernichtung der europäischen Juden" (Raul Hilberg). Und der Wahnsinn, das eine 'Rasse' auf die Idee kommt, eine andere zu beherrschen oder gar zu vernichten, ist gut bekannt. Man kann den Film trotzdem lieben, auch wenn hier vielleicht eine Grenze geschnitten wird.
Wie gesagt,
Invasion of the Body Snatchers ist ein durch und durch furchterregender Angsttrip. Da kann man es kaum glauben, wie viel Spass und Spieltrieb in Konzeption und Produktion stecken. Zu den Highlights zählt mit Sicherheit der Cameo-Auftritt von Kevin McCarthy, der im Original die Hauptrolle inne hatte. Man hat noch gut sein großes Gesicht mit den weit aufgerissenen Augen in der vorletzten Szene im Sinn: "Sie sind hier!! Ihr könntet schon die nächsten sein!!" Man müsste ihn für einen Irren halten, wäre man als Zuschauer nicht eingeweiht. Nun, 1978, läuft er Donald Sutherland vors Auto und gellt erneut: „Sie kommen!“ Als ob er die letzten zwanzig Jahre nichts anderes gemacht hätte, wie Kaufman einmal im Interview scherzte.
Don Siegel ist kurz als Taxifahrer zu sehen. Kaufman selbst spielt einen Passanten, der Sutherland vom Telefonieren abhalten will. Seine Frau liefert sich mit Jeff Goldblum einen literarischen Disput. Robert Duvall schaukelt auf einem Kinderspielplatz (und DAS ist WIRKLICH gruselig). Jerry Garcia, der Gitarrenzottel von Grateful Dead, spielt Banjo (für einige: AM GRUSELIGSTEN!). Das United Artists-Logo ist gleich mehrmals versteckt zu sehen, genauso wie die signifikante Transamerica Pyramid (der Holdinggesellschaft gehörte UA zu diesem Zeitpunkt). Und, und, und.
Von diesem Spass merkt man im Film nichts. Er führt direkt in den Untergang, in eines der schroffsten Unhappy Ends der Filmgeschichte. Matthew wandelt in der letzten Szene über den Platz vor der San Francisco City Hall. Im Hintergrund leiert traurig
The Star-Spangled Banner. Ist er einer von ihnen geworden oder nicht? Die ganze Stadt, vielleicht schon die ganze Welt ist infiltriert. Jacks Freundin Nancy erkennt ihn, sie ist noch ‚normal’ geblieben. Sie spricht ihn an, Matthew hebt den Arm, das Gesicht verzerrt sich, dann kommt der Schrei. Die Kamera fährt in seinen Mund bis es schwarz wird. Ein Abspann ohne Musik. Ein Faustschlag. Doch war es nicht toll, dass Spannungsfilme in den Siebzigern so enden durften?
Es existieren zwei Deutungen. Manche behaupten, Matthew hätte es gar nicht erwischt, sondern simuliere nur, um sich weiterhin getarnt in der Welt der Außerirdischen verstecken zu können. (Denn man kann sie täuschen, wenn man seine Gefühle versteckt.) Doch das ist im Grunde einerlei, denn unternehmen kann er nichts mehr. Er ist ausgeschaltet, so oder so.
Kaufman wollte genau den brutalen Schlusspunkt kreieren, den Siegel damals nicht abliefern durfte. Die Chefetage von United Artists bekam das Ergebnis erst zu sehen, als der Film fertig produziert war. Es hätte Zeiten gegeben, da hätte man ihn für so ein Ende hochkant aus dem Büro geworfen. Gipfel der Ironie: Kaufman drehte noch ein alternatives Ende, dass so etwas wie augenzwinkernden Humor enthielt. Doch die Bosse wollten es genau so rabenschwarz haben. Und ganz im Ernst: es war keine schlechte Entscheidung.
Invasion of the Body Snatchers von 1978 ist eine gewaltige, epische, bleischwere Schreckensvision ohne Ausweg. Man braucht etwas Zeit, um aus Donald Sutherlands Schlund wieder hervorzukrabbeln.
Und falls es jemanden interssiert: auf die Frage, ob die Möglichkeit von Unglück und Chaos einer friedlichen, aber unfreien Welt vorzuziehen sei, ob das nicht sogar Rechte wären, die das 'Abenteuer der Existenz' mit sich bringen, antwortet der Wilde aus Huxleys Roman: "Ja, all diese Rechte fordere ich."