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Die Körperfresser kommen

Die Körperfresser kommen

Ein Film von Philip Kaufman

(USA, 1978)



„If you´re going to San Francisco / Be shure to wear some flowers in your hear.”
(Scott McKenzie, 'San Francisco')


„They´re here!!!“



Preisfrage: wozu sind Remakes gut? Häufig zu gar nichts. Alte Filme einfach nur in zeitgenössischem Setting (wenn überhaupt) und neuem Personal erneut abzufilmen, das ist doch witzlos.

Vor allem im Horrorgenre ist es eine exzessiv praktizierte Einfallslosigkeit, verdiente Spannungsklassiker durch die Recyclingmaschine zu jagen. Man zieht diese Option meistens dann, wenn die Ideen ausgehen (und das tun sie in diesem Genre seit wenigstens zehn Jahren am laufenden Band). Heraus kommen meistens nichtswürdige Imitationen mit jungen Hüpfern und Springinsfelden, die auf dem Weg zu MTV´s Dismissed die falsche Abkürzung genommen zu haben scheinen. Das einzig gruselige ist nur noch der Kinder-Rock, den sie dann Soundtrack nennen.

Was ist da bislang rausgekommen? Totalausfälle wie die Neuverwurstungen von John Carpenters The Fog – Nebel des Grauens (1980), Hitcher – Der Highway-Killer (1986) oder eben laue Aufgüsse wie die Remakes von Fred Waltons When a Stranger Calls (Das Grauen kommt um 10, 1979). Eine der ganz wenigen rühmlichen Ausnahmen war Zak Snyders Version von George Romeros Dawn of the Dead (Zombies im Kaufhaus, 1977).

Wenn ein Film gut ist, warum ihn dann noch mal drehen? Eine pragmatische und ökonomische Antwort lautet: wenn 1. ein Stoff noch heute beziehungsweise wieder aktuell ist und Erfolg an den Kinokassen verspricht, und weil 2. mit alten Filmen kein Geld zu verdienen ist, wird 3. ein Remake gedreht. Diese Perspektive übersieht man ganz leicht, wenn man zu den leidenschaftlichen Überzeugungstätern gehört und im Dienste der Kunst schreibt.

Die besten Remakes sind die, die den Originalstoff neu definieren und ihn der Jetztzeit anpassen, statt zu imitieren. John Carpenters The Thing (Das Ding aus einer anderen Welt, 1982) ist so ein Beispiel. Das Original von Howard Hawks (1951) war noch zu erkennen, nur änderte Carpenter die Personenanordnung, schrieb ein Drehbuch, in dem nur noch die Grundidee übrig blieb. Das Setting lies er wiederum bestehen, denn er wusste, dass das ewige Eis der Antarktis einen tollen Schauplatz abgab.


Vom Land in die Großstadt

Bei Philip Kaufmans Neuverfilmung von Don Siegels Klassiker Invasion of the Body Snatchers (Die Dämonischen, 1956) kann man sich fragen, ob das Remake sein Vorbild sogar übertrifft.

Schauplatz ist immer noch Kalifornien. Doch nicht eine kleine Vorstadt, sondern das pulsierende San Francisco. Dort erfreuen sich die Bewohner seit einigen Tagen an einer neuartigen Pflanze, die in der ganzen Stadt wächst, doch keiner weiß, woher sie gekommen ist. Die Kamera begleitet Matthew Bennell (Donald Sutherland) auf seinen Streifzügen durch einschlägig berüchtigte Restaurants. Er ist Angestellter beim Gesundheitsamt.

Eines Tages fangen die Menschen um ihn herum an, verrückt zu spielen: seine Freundin und heimliche Geliebte Elisabeth (Brooke Adams), sein Freund, der erfolglose Schriftsteller Jack (Jeff Goldblum), selbst der Chinese von der Reinigung um die Ecke. Alle behaupten, dass sich Ehepartner und Freunde verändert hätten, abweisender und kälter geworden seien, ihre Persönlichkeit verloren hätten, sie als Bedrohung empfinden. „Sie ist falsch. Das ist nicht mehr meine Frau.“

Matthew glaubt es nicht so recht, bis er eines Nachts vor einem (noch) leblosen Körper steht, der dem seines neben ihm stehenden Freundes Jack wie ein Ei dem anderen gleicht.
Die Körperfresser kommenDie Körperfresser kommenDie Körperfresser kommen
Kaufmans Film über eine Invasion von Außerirdischen, die von den Menschen Dublikate erstellen und ihre Originale 'entsorgen', gehört heute noch zu den fruchterregendsten und rabenschwärzesten Horrorstreifen, die jemals gemacht wurden. Ein grauenhafter Angsttrip, der direkt in Donald Sutherlands aufgerissenem Schlund endet und den Zuschauer verschluckt.

Das San Francisco, das Kaufman in blassen Bildern einfängt, ist keine kuschelige Hippiestadt. Sonne gibt´s fast gar nicht, eher regnet es. Viele Einstellungen spielen nachts. Das mag für Horrorthriller nichts besonderes sein, aber in Verbindung mit dem Invasionsthema verstärken diese Einstellungen das Gefühl von Unsicherheit und Bedrohung, das mit jeder Szene größer und bedrückender wird.

Auch hat Kaufman ein ganz simples Stilmittel aus der Mottenkiste gezaubert, das mit dem Ende des Schwarzweiß-Films etwas in Vergessenheit geriet: das Spiel mit Licht und Schatten. In mehreren Szenen lässt er seine Protagonisten ins Halbdunkel abtauchen, platziert sie vor entstellende, verzerrende Spiegelkonstellationen. Das sind nicht nur Bilder, die latentes Unwohlsein erzeugen. Sie belegen, wie hinterhältig und effektiv Kaufman die suggerierten Angstvisionen vom Identitätsverlust visuell ergänzt und verstärkt. Mathew taumelt durch einen Irrgarten, und die Feinde werden Stunde um Stunde mehr.

Auch das Sounddesign hat es in sich. Es gibt fast keine Hintergrundmusik, dafür elektronisches Gewaber. Auch das ist ein V-Effekt, der perfekt ins Gesamtbild des Schreckens passt, das Kaufman zeichnet. In einer der besten Szenen finden diese visuellen und akustischen Techniken zusammen: Matthew streunt durch die Stadt auf der Suche nach Hilfe, doch er weiß nicht, wem er noch trauen kann. Die Menschen fängt Kameramann Michael Chapman in verzerrenden, überzeichneten Bildperspektiven ein, dazu blubbert im Hintergrund ein verfremdetes Herzfrequenzmessgerät.

Und der Schrei, den die Infizierten ausstoßen, wenn sie Menschen erkennen, die noch nicht zu ihnen gehören, ist natürlich ebenso Terror in Akustik.

Dann: die sukzessive Spannungssteigerung. Klingt banal, ist es aber nicht. Nicht jeder Film versteht es, von der Normalität seiner Protagonisten aus die Spannungskurve nach und nach steigen zu lasen, ohne sich im Tempo zu vergreifen. Hier schafft es der Regisseur sogar, die Gefahr an allen Ecken und Enden aufbrechen zu lassen, ohne seine Figuren davon Notiz nehmen zu lassen. Merkwürdige Gestalten an Glastüren, Menschen die vor einer Bedrohung zu fliehen scheinen, die noch kein Gesicht hat. Wenn man nicht genau hinsieht, entgehen einem diese Details gänzlich. Auch Matthew und Elisabeth merken erst mal nichts. Die Hektik und Geschäftigkeit der Großstadt ist ein starker Verbündeter des Feindes.


Die letzten Tage der Menschheit

Nicht nur dass das Thema, ursprünglich aus dem gleichnamigen Jack Finney-Roman stammend, für Genreverhältnisse fast episch zu nennen wäre - es geht um nichts weniger als den Untergang der Menschheit, der am Ende tatsächlich stattfindet. Es berührt in letzter Konsequenz einen der ältesten und vertracktesten Diskurse der politischen Philosophie. Im Spannungsfeld zwischen den drei wesentlichen Antriebskräften des menschlichen Denkens und Handelns (Vernunft, Gefühl und Trieb) ist es immer die Neigung des Menschen zum Emotionalen, die für Kriege und Krisen, Verbrechen und Gräueltaten verantwortlich gemacht wird. Diesem angenommenen Zusammenhang wird nun eine fiktive Alternative entgegen gesetzt.

Die Außerirdischen stellen der Menschheit in Aussicht, in einer Welt ohne Verbrechen und Krieg leben zu können. Der Preis ist die Aufgabe jeder Emotionalität und Individualität gleichermaßen. Ein zu hoher Preis?

Andererseits: sind all die Katastrophen und Krisen, das Schlechte in der Welt, ist das alles der Preis dafür, dass Menschen einen eigenen Willen haben und für ihr Tun selbst verantwortlich sind? In Aldeous Huxleys Brave New World wird der Held, nur „der Wilde“ genannt, am Schluss von Mustafa Mannesmann gefragt, in welcher Welt er denn leben wolle, verzichte man auf eine bis ins letzte Detail durchgenormte und kontrollierte Gesellschaft. Er fragt, ob er das alles wirklich wolle: Krieg, Leid, Krankheit, Unglück.

Ist das der Preis?
Die Körperfresser kommenDie Körperfresser kommenDie Körperfresser kommen
Kaufman war klug genug, auf so eine vertrackte Frage keine plumpe Antwort zu geben. Doch der Zuschauer mag schon stutzig werden, denn wann haben in Horrorfilmen die ‚Bösen’ gute Argumente zu bieten?

Die politischen Konnotationen sind etwas schwächer ausgeprägt als beim Original. 1956 diente Siegels Schreckensszenario von Infiltration fremder Mächte und Zerstörung der bekannten (amerikanischen?) Lebenswelt als Spiegelbild der Paranoia, die Kommunistenjäger McCarthy noch bis vor kurzem verbreitet hatte. Siegel beteuerte in Interviews, er hätte dieses Angstklima mitnichten verstärken wollen. Es sei ihm um versteckte Ironie gegangen.

Kaufman wählte bewusst die ehemalige Hippie-Hochburg San Francisco als Schauplatz. Bei ihm sind es nicht die Kommunisten, sondern die Yuppies, Menschen, für die nur Geld und Geschäft zählen, die die Kontrolle übernehmen. Die Invasion, die in der Realität stattfindet, ist eine Wachabslösung des gesellschaftspolitischen Konsens. Eine radikale Verändung des sozialen Klimas. In den bevorstehenden Achtzigern werden neoliberale Konservative den Ton angeben; im Weißen Haus, in den Vorstandsetagen und Denkfabriken, in den Wirtschaftsinstituten der Universitäten, in den Kommentarspalten der Zeitungen. Ronald Reagan wird Präsident werden.

Es wird künftig nicht mehr darum gehen, eine Gesellschaft als Ganzes zum Positiven zu verändern. Es wird nur noch um die Optimierung des Einzelnen gehen. Davon legt die grassierende Helf-dir-Selbst-Psycholiteratur Zeugnis ab. Eine fast pfiffige Rolle liefert da Leonard Nimoy (Mr. Spock) ab. Er spielt Dr. Kibner, einen Populärpsychologen und Bestsellerautor, der Dummschwätzerei mit Common Sense verwechelt.

Die bösartigsten Konzepte aber, die zumindest implizit suggeriert werden, reichen in die jüngste deutsche Geschichte zurück. Die Art und Weise, wie die Außerirdischen ihre nach der Reproduktion nutzlos gewordenen ‚Originale´ entsorgen, entwickelt sich zu einem groß angelegten und organisierten Treiben. Zu Massenmord. Dazu: nächtliche Szenen mit Lastwagenkolonnen und Scheinwerfern. Man könnte an den Holocaust denken, an den industrialisierten Massenmord. Und auch wenn Kaufman solche Konnotationen nicht im Sinn hatte, wirken sie in der einen oder anderen Szene immer mit. Außerdem kann man diese Parallele nicht übersehen, wenn man bedenkt dass es auch in dieser Geschichte um Lebenwesen geht, die es als natürliches Recht des Stärkeren betrachten, andere Lebenwesen zu beherrschen oder zu beseitigen.


Grauen, Untergang und Spass dabei

Wie gesagt, Invasion of the Body Snatchers ist dunkel und angsteinflößend durch und durch. Da kann man es kaum glauben, wie viel Spass und Spieltrieb der Regisseur und sein Team in Konzeption und Produktion steckten. Zu den Highlights zählt mit Sicherheit der Cameo-Auftritt von Kevin McCarthy, der im Original von 1956 die Hauptrolle inne hatte (und nicht zu verwechseln ist mit dem radikalrepublikanischen Senator, um dessen Umtriebe es in dem Film ja indirekt geht). Man hat noch gut sein großes Gesicht mit den weit aufgerissenen Augen in der vorletzten Szene im Sinn, wie er vor der bevorstehenden Invasoren warnen will. Man müsste ihn für einen Irren halten, wäre man als Zuschauer nicht eingeweiht. Nun, 1978, läuft er Donald Sutherland vors Auto und gellt erneut: „Sie kommen!“ Als ob er die letzten zwanzig Jahre nichts anderes gemacht hätte, wie Kaufman einmal im Interview scherzte.

Don Siegel ist kurz als Taxifahrer zu sehen, Kaufman spielt einen Mann, der Sutherland vom Telefonieren abhalten will. Seine Frau liefert sich mit Jeff Goldblum einen literarischen Disput. Auch Robert Duvall taucht kurz auf. Grateful Dead-Gitarrist Jerry Garcia spielt Banjo. Das United Artists-Logo ist gleich mehrmals versteckt zu sehen.
Die Körperfresser kommenDie Körperfresser kommenDie Körperfresser kommen
Von diesem Spass merkt man im Film nichts. Er ist eine dunkle Straße, die direkt ins Nichts führt – in eines der legendärsten Unhappy Ends des Kinos. Matthew wandelt in der letzten Szene über einen belebten Platz. Im Hintergrund eiert ein trauriges The Star-Spangled Banner Ist er einer von ihnen geworden oder nicht? Ist schon das ganze Land infiltriert? Morgen der ganze Kontinent? Übermorgen die ganze Welt?

Veronika (Veronika Cartwright) erkennt ihn, sie ist noch sie selbst. Sie spricht ihn an, Mathew hebt den Arm, dann kommt der Schrei. Die Kamera fährt in seinen schwarzen Schlund. Ein Abspann ohne Musik. Ein Faustschlag. Doch war es nicht toll, künstlerisch gewinnbringend, das Spannungsfilme in den Siebzigern so enden durften?

Es existieren verschiedene Interpretationen dieser Szene. Manche behaupten, Mathew sei nicht infiziert, sondern simuliere nur, um sich weiterhin in der Welt der Außerirdischen verstecken zu können. Doch das ist im Grunde einerlei, denn unternehmen kann er jetzt nichts mehr. Er ist ausgeschaltet, so oder so.

Kaufman wollte genau das Ende kreieren, dass Siegel damals nicht abliefern durfte. Die Chefetage von United Artists bekam es erst zu sehen, als der Film fertig produziert war. Es hätte Zeiten gegeben, da hätte man ihn für so eine Ende an den Füßen aufgehängt. Gipfel der Ironie: er hatte noch ein alternatives Ende gedreht, dass so etwas wie augenzwinkernden Humor enthalten sollte. Doch die Bosse wollten es genau so rabenschwarz haben. Und ganz im Ernst: das war eine gute Entscheidung.

Invasion of the Body Snatchers von 1978 ist, auch heute noch, eine gewaltige, bleischwere, epische Untergangsvision ohne Ausweg. Man braucht etwas Zeit, um aus der Schwärze von Donald Sutherlands Mund zurück ans Licht zu krabbeln.

Ach ja. Falls es jemanden gibt, den es interessiert: auf die Frage, ob die Möglichkeit von Unglück und Chaos einer friedlichen aber unfreien Welt vorzuziehen sei, ob man das auch noch wollen solle, antwortet der Wilde aus Huxleys Buch: „Ja, all diese Rechte fordere ich.“

Eine Rezension von Gordon Gernand
(28. Dezember 2008)
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Daten zum Film
Die Körperfresser kommen USA 1978
(Invasion Of The Body Snatchers)
Regie Philip Kaufman Drehbuch W. D. Richter (Script), Jack Finney (Romanvorlage)
Produktion Solofilm Kamera Michael Chapman
Darsteller Donald Sutherland, Brooke Adams, Leonard Nimoy, Jeff Goldblum, Veronica Cartwright, Art Hindle, Kevin McCarthy
Länge 115 Min. FSK
Filmmusik Denny Zeitlin
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