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Der Club der toten Dichter

Der Club der toten Dichter

Ein Film von Peter Weir

(USA, 1989)



„We´re not laying pipe. We´re talking about poetry.“



Literaturunterricht ist fast wie Lotto. Hatte man früher in der Schule Glück, saß hinter dem Lehrerpult ein Pädagoge, der Freude und Lust am geschriebenen Wort vermitteln konnte. Hatte man Pech, handelte es sich um einen Buch-Beamten, dem Standartantworten aus dem Begleitheftchen (Königs-Erleuterungen) genügten. In der letzten Viertelstunde wurde dann Mr. Bean oder Loriot gezeigt.

Aber selbst dem drögesten Deutsch- oder Englischlehrer an meiner alten Schule wäre es nie im Leben eingefallen, ein Koordinatensystem an die Tafel zu schmieren, auf dem X- und Y-Achse für stilistische Qualität und wirkungsgeschichtliche Bedeutung stehen - und somit die literarische Güte eines Gedichtes exakt bestimmen zu können. So ein (Alp?-)Traum von einer vollkommen objektivierbaren Kunst wurde in den Geisteswissenschaften oft geträumt, in erste Linie aus Minderwertigkeitskomplexen gegenüber den Naturwissenschaften. Und wer glaubt, solche mathematischen Vergewaltigungen der schönen Künste wären das Hirngespinst von Drehbuchautoren (in idesem Fall Tom Schulman), der hat a) es noch nie mit ein paar Semestern Germanistik resp. einer anderen Philologie probiert und b) noch niemals ein entsprechendes Einführungswerk in die Literaturwissenschaft in der Hand gehalten. Zugegeben, nur die wenigsten dieser Bücher fangen derart schlimm an. An an wenigstens eines davon meine ich mich erinnern zu können. Autor und Verlag sind mir, Gott oder wem auch immer sei Dank, entfallen. Ein schlechtes Gedächtnis kann manchmal ein Kumpel sein.

Für die Insassen eines erzkonservativen Jungeninternats im Neuengland der frühen Fünfzigerjahre, droht dieser Alptraum in Gestalt eines Aufsatzes von J. Evans Pritchard, Doktor der Philosophie, in Kreidestriche geronnene Wirklichkeit zu werden. Doch an der Tafel steht John Keating, gespielt von Robin Williams. Und ein kleines Wort ändert das Leben der Schüler für immer. „Exkrement." Kunstpause. "Das halte ich von Dr. J. Evans Pritchard.“ Er streicht den Mumpitz kurzerhand durch und fordert seine verdutzten Schuler zu etwas unerhörtem auf. „Reißt die Seite raus! Reißt alles raus!“ Und wie er es ausspricht: „Hinfort! J. Evans Pritchard! Doktor der Phiosophie!“ Jedes Wort, jede Silbe eine respektlose Verachtung. Herrlich.

Keating ist ein unkonventioneller Lehrer, der am traditionsreichen Collage viel Staub aufwirbelt. Seinen Schülern vermittelt er nicht nur einen emotionaleren Zugang zum Stoff („Wir sind keine Klempner, wir haben es mit Lyrik zu tun.“), er lehrt sie eine andere Art, Dinge zu sehen, zu erleben und anzupacken. Er lehrt sie zu leben statt zu lernen. Und deckt dabei Sehnsüchte und Talente frei, die so lange unter dem Muff der Institution und den Betondecken der elterlichen Erwartungen schlummerten.


Der Club der toten DichterDer Club der toten DichterDer Club der toten Dichter
Neil (Robert Sean Leonard) entdeckt seine Affinität zum Theater, sehr zum Missfallen seines herrischen Vaters (Kurtwood Smith), der ihn lieber zum Medizinstudium an die Militärakademie verschiffen will. Im schüchternen Todd (Ethan Hawke) schlummert ein Poet, und der gewitzte Schlingel Charlie (Gale Hansen) bekommt immerhin Inspiration für respektlose Streiche. Zusammen mit anderen Gleichgesinnten lassen sie den Club der toten Dichter wiederauferstehen. Eine legendäre, verbotene Vereinigung, von der Keating ihnen erzählt und wo er selbst Mitglied war. Eine Lesezirkel, eine Zelebrierung der Lyrik, inklusive netter Nebenwirkungen („Frauen sind dahingeschmolzen!“)

Doch just als alles einen guten Weg zu nehmen scheint, schlägt das Establishment zurück. Am Ende steht eine Tragödie.


Kunst und Erfolg

Peter Weirs fürs große Hollywood gedrehter Film nimmt einen Platz im Herzen vieler Menschen ein. Auch bei denen, die sich nicht als Cineast begreifen. Das lässt den einen oder anderen professionellen oder nebenberuflichen Bescheidwisser gerne motzen, Dead Poets Society sei leidlich originelle Leinwandromantik für Otto-Normal-Zuschauer. Wie ignorant man doch sein kann. Vermutlich wird es daran gelegen haben, dass Weirs Film kommerziell erfolgreich war. Igitt! Aber gut, der Großteil der filmbesessenen Gemeinschaft hat wohl doch begriffen, was für ein Meisterwerk der Tragikkomödie der australische Regisseur da gemacht hatte.

Weir machte in den Siebzigerjahren recht interessantes, ungewöhnliches Kino. Da wäre zum Beispiel die böse Satire The Cars That Ate Paris (Die Autos, die Paris auffrasen, 1973), die Mystery-Romanze Picnic At Hanging Rock (Picknick am Valentinstag, 1975) oder der hypnotische Apokalypsefilm The Last Wave (Die letzte Flut, 1977). In den Achtzigern wandte er sich dem Kommerz zu – und machte dabei immer noch eine gute Figur. Doch Dead Poets Society hat beides: Massenappeal und Tiefgang, Leichtigkeit und Schwere. Ohne Widerspruch.

Mit Robin Williams hatte er den richtigen Mann an Bord. Alle Spielarten seiner Rolle, mit der er seine Schüler gewinnen will, beherrscht er. Die einen überzeugt er mit Witz, die anderen mit Einfühlsamkeit, andere müssen gekitzelt oder zu ihrem Glück gezwungen werden. Mal gibt er den frechen Scherzkeks, mal den verschmitzten Tabubrecher, mal den weisen Guru (heute würde man vielleicht Coach dazu sagen). Williams hat für alle diese Schattierungen den passenden Gesichtsausdruck parat. Und sein Zusammenspiel mit den jungen Schauspielern klappt in jeder Szene wie am Schnürchen.


Kontraste und Manipulation

Das Aufeinanderprallen von Tradition und Moderne, Disziplin und Freigeist, Autoritätshörigkeit und Ungehorsam ist beileibe keine originelle Konfiguration. Sympathien und Antipathien sind schnell vergeben und werden auch bis zum Schluss nicht auf die Probe gestellt. Aber diese Manipulation lässt man gerne mit sich geschehen. Denn das Drehbuch von Tom Schulman ist erstklassige Erzählschule. Mal witzig, mal melancholisch. Vielleicht sind es auch die betörenden Bilder, die Weir und Kamermann John Seale einfingen, um Schulmans Geschichte zu illustrieren. Strahlende, majestätische Farben des Herbstes in Neuengland symbolisieren das Erwachen der Jungen, eine grausig-schöne Winterlandschaft das Drama gen Höhepunkt. Und zum Schluss folgt auf jeden Winter immer ein Frühling.

Weir hat anscheinend Spass daran, die Themen seiner Siebzigerjahrewerke aufzugreifen und zu variieren. Die meisten von ihnen behandeln, mal mehr mal weniger, den Kontrast zwischen einer wilden, archaischen Welt und der Moderne. In Picnic At Hanging Rock sind es Internatsmädchen im Australien des frühen 20. Jahrhunderts, die bei einem Ausflug zu einem uralten Zentralmassiv ihre Sexualität entdecken (das versteckt der Film jedoch sehr geschickt), vier von ihnen verschwinden und kehren nie mehr zurück. In The Last Wave bricht die Zaubermacht der Aboriginis in die Großstadt ein. Ob es tatsächlich zur Sinnflut kommt, bleibt ungeklärt.

Der Club der toten DichterDer Club der toten DichterDer Club der toten Dichter
In Dead Peots Society nimmt sich Weir ein bisschen zurück, trotzdem ist das Thema eindeutig präsent. Schon die Szene, in der die Jungs aufbrechen, um ihre erste Sitzung als Club der toten Dichter abzuhalten, inszeniert Weir als geheime Aktion, die um jeden Preis geheim bleiben muss. Als Grenzüberschreitung, die unerhörten Spass bereiten kann. Das Treffen findet in einer alten Höhle statt. Charlie gibt ein paar anstößig-respektlose Verse von Abraham Cowly zum Besten, die er auf die Rückseite eines Pin-Up-Posters gekritzelt hat. Steven (Allelon Ruggiero) liest aus Vachel Lindsays The Congo. Die Zeilen formt er, wie der Dichter es ursprünglich wollte, zu einem Sprechgesang um. Knox (Josh Charles) beginnt einen Takt auf einer Pappschachtel zu klopfen. Am Ende tanzt ein Trupp Internatsschüler in Uniform wie ein Haufen Eingeborener durch eine dunkle, tropfende Höhle. Ein Initiationsritus. Aus Jungs, die sich an Regeln halten, werden junge Männer, die Regeln brechen. Und es zelebrieren. Und wieder trifft das Vergangene auf die Gegenwart, Wildheit und Triebhaftigkeit auf die feine, britische Erziehung.

Die Botschaft, die Weir an den Zuschauer bringen will, ist nicht subtil. Und Plädoyers für freies Denken und Handeln sind besonders einfach vorzutragen, wenn man sich ein derartiges Milieu aussucht. Ein Eliteinternat konservativer britischer Prägung, in seiner Autoritätshörigkeit, seiner Gefühls- und Lustfeindlichkeit dem deutschen Untertanenwesen der Wilhelminischen Ära in nur wenig nachstehend, ist ein Boden, auf dem solche Botschaften besonders gut reifen. Aber das mindert die ungeheure, emotiolane Wirkung des Films nicht. Im Gegenteil. Das Aufbrechen der Triebe und des Ungehorsams sind eine Befreiung von dem Teil der ziviliserten Moderne, der besonders verkümmert und überkommen scheint.


Wiederstand auf Schreibpulten

Da ist noch was. Das Ende. Wenn die Ungerechtigkeit so gut wie gesiegt hat und sich alle Verzweiflung und alle Wut anstauen und Todd dazu bringen, aufzustehen, auf den Tisch zu steigen und „Oh Captain mein Captain!“ zu rufen. Zuvor war es ein Running Gag, ein Walt Whitman-Zitat, nun ist es fast ein Schlachtruf, wenigstens eine Chiffre des Ungehorsams. Eine letzte Ehrerbietung für Keating, der von der Schule geworfen wird. Hawke sieht in dieser Szene schwach und stolz zugleich aus. Was für ein verletzliches, kämpferisches, schönes Gesicht er in dieser Szene hat. Wie sehr es einen als Zuschauer packt und rührt, wenn es ihm die Hälfte der Klasse gleichtut und auf die Tische steigt, auf die Barrikaden geht. Wenn die Musik im Hintergrund fast durch die Boxen schwemmt.

Ist das emotionale Manipulation? Jawohl, und zwar vom handwerklich allerfeinsten. Wenn einen der Regisseur dazu bringt, eine Sekunde lang dazu bringt, selbst auf den Kinosessel steigen und „Oh Captain mein Captain!“ brüllen zu wollen, was will man da noch mit einem Oscar?

Nicht nur Todd und die anderen stehen da auf den Tischen. Wir stehen da. Wir, die wir zwei Stunden lang mitgelacht und mitgelitten haben. Es ist unsere Verzweiflung und unsere Wut die sich aufstaut, und wir sind es, die sich auf die Tische stellen und laut „Nein“ brüllen wollen, wenn auch nur symbolisch – wenn auch nur für einen Augenblick, in unserer Phantasie.

Es gibt vermutlich nur eine Handvoll noch großartigerer, wahrhaftigerer Dinge, die einem Filmemacher gelingen können.

Und im Augenblick fallen mir die meisten nicht einmal ein.

Eine Rezension von Gordon Gernand
(29. November 2009)
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Daten zum Film
Der Club der toten Dichter USA 1989
(Dead Poets Society)
Regie Peter Weir Drehbuch Tom Schulman
Produktion Touchstone Pictures, Silverscreen Partners IV Kamera John Seale
Darsteller Robin Williams, Ethan Hawke, Robert Sean Leonard, Josh Charles, Dylan Kussman, Gale Hansen, Allelon Rugiero, James Waterston, Kurtwood Smith, Norman Lloyd
Länge 128 Min. FSK
Filmmusik Maurice Jarre
Kommentare zu dieser Kritik
crumblecake TEAM sagte am 01.12.2009 um 12:23 Uhr

Wow!

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