(UK/USA, 1997)
„It shows you things... horrible things.”
Was für ein furchteinflößender, intensiver und elektrisiernder Film
Event Horizon ist. Das muss man so deutlich und mit Nachdruck sagen, denn es gibt da draußen immer noch zu viele Menschen die glauben, dass dieser Film schlecht sei. Ein eklektizistischer Genrebrei, ein Raubzug durch Gemeinplätze des SciFi-Horrors. Spannungsarm. Das kann nur mit schlechtem Geschmack zu tun haben, nicht wahr?!
Event Horizon ist der beste Vertreter seiner Art seit Ridley Scotts
Alien (1979). Nichts weniger als das.
Es gibt Abschnitte in der eigenen Biographie, da ist man noch nicht so abgenutzt, was die Erfahrung mit Fiktion, Stoffen und Themen angeht. Da hat man noch nicht einen ganzen Sack an Vergleichsgrößen auf Lager. Da ist man auch tatsächlich etwas „leichter zu beeindrucken“. Ich war etwa 19, als ich
Event Horizon zum ersten Mal sah. Sprich: meine Wahrnehmung war frei und rein für diesen Film. Und er überrollte mich. Und dabei war das nur die VHS. (Ja, solche Zeiten gab es mal…) Nicht auszudenken, hätte ich diesen Film im Kino gesehen, auf großer Leinwand, mit großem Sound. Ich wäre drei Tage lang aus diesem Koma nicht erwacht.
Am Anfang sehen wir die Crew des Rettungsfrachters „Lewis & Clark“, man ist in der Zukunft. Zugegeben, die Typologie dieser Zusammensetzung ist nicht innovativ. Der bärbeißige, willensstarke Captain Miller (Laurence Fishburne), die pflichttreue Lt. Starck (Joely Richardson), der coole schwarze Sprücheklopfer Cooper (Richard T. Jones), der toughe aber stille Chefpilot Smith (Sean Pertwee), die herzensgute Ärztin Peters (Kathleen Quinlan), der hinter den Ohren noch grüne Benjamin Justin (Jack Noseworthy), und der scharfsinnige Analytiker J.D. (Jason Isaacs), der im Jahr 2047 zu den Wenigen zu gehören scheint, die des Lateinischen noch - halbwegs - mächtig sind. Der Gast an Bord ist ein alter Bekannter, Sam Neill als Doktor William Weir, in einer seiner schönsten, weil stärksten Rollen. Er wird sich später als eine moderne, entstaubte Version des Mad Scientist entpuppen.
Die Mission lautet: Bergung des hinter Neptun aufgetauchten Superraumschiffes „Event Horizon“. Es verschwand vor sieben Jahren bei dem Versuch, schneller als das Licht zu fliegen - in dem es einen „Übergang zwischen zwei Punkten schafft“, also den Raum zwischen den Punkten faltet. Auf gut deutsch: ein schwarzes Loch erzeugt und hindurch fliegt. Wo es in den letzten sieben Jahren gewesen ist? „Um das herauszufinden sind wir hier.“
An Bord finden sie keine Besatzung, aber dafür das Grauen, das sich in den privaten Molochängsten der Crewmitglieder manifestiert. Außerdem scheint der Dimensionsübergang, den die „Event Horizon“ schaffen kann, das Tor zur Hölle zu sein. Oder wenigstens zu dem, was Menschen seit Jahrhunderten als Hölle bezeichnen. „Eine Dimension des absoluten Chaos, der absoluten Gewalt.“
Symbole und Ignoranz
All die gut oder weniger gut versteckten symbolischen und konnotativen Referenzen, welche die Szenerie aufladen, sind bekannt und bereits oft analysiert worden. Die „Event Horizon“ ist dem Bauplan der Kathedrale von Notre Dame nachempfunden. Dem Namen Event Horizon entspricht die Alliteration „Evil Horror“. Der Name der Figur Dr. Weir ist eine phonetische Anlehnung an den niederländischen Physiker, Okkultisten und Dämonologen Johann Weyer. Die Zahlensymbolik (auf einer Einstiegsluke ist eine 13 (sehr schwer) erkennbar). Und dann der Name des Schiffes selbst: der Ereignishorizont, hinter dem keine Aussagen über das was ist möglich sind, hinter dem das Unvorstellbare lauert.
Interessanter als all das ist aber, dass
Event Horizon die Cineasten damals wie heute in zwei Lager spaltet. In diejenigen, die in ihm mindestens einen guten Genrefilm sehen, einige gar ein Meisterwerk. Und in die Front, die in ihm nur Schlechtes zu erkennen glaubt. Vor allem: viel schlecht Nachgemachtes. Als Beleg für diese neunmalkluge Ignoranz sei eine Kritik von www.scifimoviepage.com zitiert:
After watching Event Horizon we went to a restaurant across the road where we made a list of all the films it, ahem, "borrowed" from. It is a looong list: The Shining, Alien, Hellraiser, Solaris, In the Mouth of Madness, Aliens, 2001: A Space Odyssey, Star Trek VI - The Undiscovered Country, Forbidden Planet, Poltergeist, The Blob, Rambo and Dark Star are only a few I can remember right now.
Jedes Wort, jedes Komma eine Unverschämtheit. Klar, in
Event Horizon gibt es einige Referenzen und Parallelen. Aber so etwas hier ist doch maßlos. Man gehe diese Liste mal Punkt für Punkt durch.
Alien und
Aliens? Es gibt hier keine Aliens. Das war mal im ursprünglichen Drehbuch so vorgesehen, aber Paul Anderson besann sich Gott sei Dank eines besseren.
Hellraiser? Weil es um die Hölle geht??
In the Mouth of Madness?? Weil Sam Neill mitspielt???
2001? WEIL´S IM WELTALL SPIELT???
Mit der gleichen Logik könnte man behaupten,
Speed 2 hätte was mit Robert Siodmaks
Der rote Korsar zu tun – kommen ja in beiden Filmen Boote drin vor.
Nein,
Event Horizon ist der letzte große SciFi-Horror, es ist seitdem nichts Vergleichbares mehr aus dem Genre gekommen. Mustergültig in Spannungsaufbau und Steigerung. Anderson schaffte es, eine Geisterbahn im Weltall aufzumachen. Dabei legt er Details und Zeichen auf den Weg, die Assoziationen eröffnen, aber keine eindeutige Interpretation zulassen. Keine Szene, keine Einstellung schiebt sich vor die Phantasie des Zuschauers, die Weiterentwicklung des Stoffes im Kopf bleibt unangetastet. Ob es sich nun wirklich um die Hölle handelt, und was dort geschehen ist – man weiß es nicht, und man soll es auch nicht wissen. Anderson stellt einige Hinweisschilder auf, doch die weisen ins Dunkel. Und wirken dadurch umso bedrohlicher.
Es ist wahr, dass der junge Regisseur ausgiebig in der Truhe mit dramaturgischen Taschenspielertricks wühlt, die abgedroschensten hätte er sich gerne sparen können. Auch sieht man dem Film an der Nasenspitze an, welche Horror-Klassiker tatsächlich Pate gestanden haben, nämlich Robert Wises
The Haunting (
Bis das Blut gefriert, 1963) und Stanley Kubricks
Shining (1980). (Man vergesse bitte die dämliche Auflistung aus dem Zitat, auch wenn ein Treffer dabei ist.)
Das könnte man nun Größenwahn nennen, man könnte aber auch sagen: schön, wenn jemand nach oben blickt und hoch hinaus will. Falsche Bescheidenheit hat selten Großes geboren. Anderson jedenfalls agierte nach der Maxime: "mehr ist mehr".
Event Horizon wahrt auch meistens die Contenance. Selbst die unglaubliche Szene mit den 'Höllenbildern', dieser bizarren Metzelorgie, ist hart aber an der Grenze des Zeigbaren. Auch diese Bilder bleiben stroboskophaft (und waren seit jeher ein Fall für die Pausentaste des Videorecorders). Ein Glück, dass Anderson seine ursprünglichen Vorstellungen - in diesem Fall - nicht in den Final Cut retten konnte. Ursprünglich wollte er viel mehr Blut auf der Leinwand haben. Das hätte dem Film wirklich nicht gut getan. Manchmal kann sich die Zensur doch, unfreiwillig, in den Dienst der Kunst stellen.
Zeichensystem des Horros
Ja, Anderson hat davor und danach nicht mal annähernd vergleichbar Großartiges zu Stande gebracht, doch hier spielt er groß auf. Er schafft erstklassige Spannung mit visuellen und akustischen Effekten, die er bis zur Gänze auskostet und die direkt ins Halbbewusste zielen. Das Gewitter in Neptuns Sphäre. Oder das gotische Design des Schiffes. Einfach alles an der Event Horizon wirkt angsteinflößend. Gewölbte Wände. Säulen wie in einer Kathedrale. Fenster in Kreuzform. Gar nicht zu reden von der Halle, wo der Hyperantrieb steht (oder auch: der Höllenzugang) - fast eine Art Hitech-Folterkammer. Insofern gehört Andersons Werk zu den Filmen, wo der Posten des Produktionsdesigners wichtig, wichtig, und nochmals wichtig war. In diesem Fall: Joesph Bennett, dem Meisterliches gelang. Dann noch der wuchtige Brachialsound und ein Score, bei dem sich sinistre, orchestrale Schübe von Michael Kamen mit dem wummernden Tekkno der Band Orbital mischen. All dies verdichtet Anderson zu einem monumentalen Zeichensystem des Grauens.
Es gibt nicht viele Filme, die ihre Emotionen so unterschwellig und konsequent in Bilder übersetzen.
Event Horizion macht dies in kaum zu übertreffender Vehemenz und entwickelt dabei eine enervierende, bösartige und beklemmende Atmosphäre, die den Zuschauer attackiert und schüttelt.
Ich bleibe dabei. Dieser Film gehört zum Besten, was in diesem Genre jemals gedreht wurde. Ein Film wie ein Monolith des Grauens. Eine dunkle Höhle, in der es tropft und dampft, und man kann froh sein, am Ende das Tageslicht wieder zu sehen.