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Dekalog 3

Dekalog 3

Ein Film von Krzysztof Kieslowski

Kein geringerer als Stanley Kubrick bezeichnete Krzysztof Kieślowski's Dekalog-Reihe als das einzig echte Meisterwerk, das zu seinen Lebzeiten geschaffen wurde. Und zweifelsohne umschlingt dieses zehnteilige Kunstwerk eine epische Breite, die es in der farbenfrohen Filmwelt nur äußerst selten zu sehen gibt. Dabei hat sich Kieślowski nicht weniger vorgenommen, als einfach jene zehn ethischen Grundregeln genauer zu betrachten, die seit über 2000 Jahren als ebenso beachtetes wie mißachtetes Fundament unserer westlichen Kultur fungieren: die zehn Gebote Gottes. In zehn eigenständigen Filmen thematisiert Kieślowski jeweils ein Gebot, das ihm als übergeordnetes Leitmotiv dient und das er wie eine rauhe Decke über die irritierte Welt der Figuren schmeißt. Kieślowski inszeniert mit minimalistischer Genauigkeit und blickt mit ruhender Geduld auf das hilflose Chaos, in das er seine unbehüteten Figuren am winterlichen Abend setzt. Es ist kein hollywood'scher Overload von überhöhten Konflikten und aktionistischen Konfliktlösungen, mit denen uns Kieślowski bombadiert, sondern ein Kino der Andeutungen und Ansätze, die wie im realen Leben niemals zur Ausführung kommen. In dieser Abhandlung soll der dritte Teil der Reihe im Zentrum stehen.

"Ziemlich lange fürchteten wir die Größe der Zehn Gebote. [...] Hatten wir das Recht, ein so universales und ernsthaftes Thema zu berühren, das für viele Nationen, obwohl sie es täglich mißachten, ein Heiligtum darstellt? [...] Die Angst verging uns, als wir plötzlich und klar begriffen, daß alle Dichter, Maler, Autoren und Filmemacher - vor uns und nach uns - sich mit dem gleichen Problem auseinandersetzen. Begehrte Shakespeares Richard III. nicht etwas, das ihm nicht gehörte? […] Dostojewski beobachtete seine Helden sehr genau, bemüht, sie zu verstehen. Breughel malte die Geizigen und die Diebe, und Woody Allen ließ kaum ein fremdes Bett aus. "Ahnliches gilt für zweitrangige Krimis und drittklassige Melodramen; es gilt für Beethoven, der in ein und derselben Symphonie Gott verehrte und in Frage stellte. Es gilt für alle, die das Leben beschreiben, eine Laune oder den Zustand der Seele, und wir haben uns in die Reihe der Beschreiber gestellt." Krzysztof Kieślowski

Dekalog 3Dekalog 3Dekalog 3

Kieślowski's „Dekalog 3“ spielt an Heilig Abend und behandelt das dritte Gebot: „Gedenke des Sabbattages, um ihn heilig zu halten.“ Die Geschichte handelt vom polnischen Taxifahrer Janusz, der mit seiner Familie Weihnachten feiert und wie jedes Jahr die Christmette besucht. Dort begegnet er seiner früheren Geliebten Ewa, die bereits kurz darauf vollkommen verzweifelt vor seiner Haustür steht. Unter dem fragwürdigen Vorwand, jemand würde sein Taxi stehlen, vertröstet Janusz seine Frau und begibt sich zu Ewa in die einsame Kälte der stillen Nacht. Diese bittet ihn resigniert um seine Hilfe, da sie scheinbar vollkommen erfolglos ihren verlorenen Ehemann sucht. Janusz willigt betroffen ein und so belügt er seine bereits skeptische Frau, dass sein so wertvolles Taxi gestohlen wurde und er es nun suchen müsse, während er sich in Wirklichkeit mit Ewa in eben jenem Taxi auf eine hoffnungslose Suche durch das winterliche Warschau begibt. Unterdessen meldet seine misstrauische Frau das Taxi als gestohlen und so dauert es nicht lange, bis die informierte Polizei das vermeintliche Diebesgut mit Janusz und Ewa als potentielle Tatverdächtige sicher stellen kann. Da sich Janusz jedoch als Besitzer ausweisen kann, findet nicht nur das konstruierte Missverständnis um sein abhanden gekommenes Taxi ein kurzes Ende, sondern auch die vorgeschobene Suche Ewas nach ihrem vermeintlich verlorenen Ehemann. Denn Ewa gesteht ihm, dass ihr verschwundener Gatte kein geringerer als Janusz selbst ist. Er ist es, den sie seit dem Zusammenbruch ihrer einstigen Liebe sucht und er ist es, den sie in dieser einen Nacht zu finden gehofft hat...

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Wie alle zehn Teile spielt auch dieser Film in ein und derselben traurigen Plattenbaulandschaft mitten in Warschau, sodass die präsentierten Figuren den selben kleinen Kosmos bewohnen, wie das ganze Ensemble der restlichen neun Filme und somit wie einsame Seifenblasen stets aneinander vorbeischweben, ohne sich jemals wirklich zu berühren. „Ich wollte die Menschen auf der Suche nach dem Sinn des Lebens zeigen, in Momenten, die ihnen wichtige Entscheidungen abverlangen, jedoch ohne jegliches Moralisieren.“ (Kieślowski)

In „Dekalog 3“ wählt Kieślowski ausgerechnet Heilig Abend als Austragungsort unverarbeiteter Sehnsüchte und Ängste, die unvorbereitet über die hilflosen Figuren hereinbrechen und den Staub ihres vermeintlich geordneten Daseins aufwirbeln. Am klassischen Abend der friedlichen Besinnung quellen die verdrängten Emotionen wie niemals verheilte Schnittwunden ans grelle Licht der nächtlichen Straßenbeleuchtung und führen Janusz und Ewa ins kalte Ungewisse. Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz, dass sich gerade an Heilig Abend die größten Tragödien ereignen. Während Ewa in der Kälte steht und den wärmenden Kontakt zu Janusz sucht, treibt es Janusz aus der familiären Sicherheit in den ungewissen Frost seiner einstigen Geliebten, obgleich beide wissen, dass ihre Welten für immer getrennt bleiben werden. Ewa kann nicht anders, als in Janusz' Welt einzubrechen und Janusz kann nicht anders, als zumindest für kurze Zeit aus dieser auszubrechen. Sie verlangen nach gegenseitiger Nähe und bewegen sich dennoch ohne Intimität wohl distanziert durch die Nacht. Es ist die unsichtbare Schwelle, die ihre Sehnsucht hemmt und ihre Ängste beflügelt, sodass Janusz plötzlich das innerliche Verlangen spürt, sein Taxi in eine Straßenbahn zu manövrieren.

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Kieślowski inszeniert mit minimalistischer Genauigkeit und blickt mit ruhender Geduld auf das hilflose Chaos, in das er seine unbehüteten Figuren am winterlichen Abend setzt. Es ist kein hollywood'scher Overload von überhöhten Konflikten und aktionistischen Konfliktlösungen, mit denen uns Kieślowski bombadiert, sondern ein Kino der Andeutungen und Ansätze, die wie im realen Leben niemals zur Ausführung kommen. Ein Kino der Bedürfnisse, die aufeinander prallen und sich alsbald wieder trennen, ohne eine befriedigende Lösung gefunden zu haben. Sein Regiestil nimmt sich sanft zurück, wirkt niemals sinnlos selbstreferentiell und lässt dem Zuschauer zwischen wenigen aussagekräftigen Akzenten genug Platz, um mit eigener Lesekraft die Lücken zu füllen und zwischen den Zeilen zu lesen. Ihm reichen wenige Worte und Gesten, um sich subtil verständlich zu machen. Kieślowski besticht durch schnörkellose Einfachheit. Er stellt die richtigen Fragen, anstatt falsche Antworten zu liefern.

Gewiß war Kieślowski einer der größten Autorenfilmer der Filmgeschichte und so verwundert es nicht, dass er in einem Atemzug mit großen Namen wie Kubrick, Bergman, Antonioni oder Godard genannt wird. Es ist der ungeschönte Blick auf die Welt, der sich auch in „Dekalog 3“ offenbart und durch den Kieślowski eindrucksvoll besticht. Dieses Weihnachten braucht kein Happy End, denn es akzeptiert die Unbeholfenheit seiner verwundeten Figuren. So kehrt Janusz nach dem nächtlichen Ausflug mit Ewa wieder zu seiner Frau und seinem geregelten Leben zurück und verspricht ihr die Treue, obgleich er innerlich immer noch tief zerrissen ist. „Vielleicht habe ich Sehnsucht nach einer Welt, die es nie gab, nach einer Welt, in der die Leute mehr Zeit hatten, in der sie noch Beziehungen hatten, wo sie noch miteinander sprachen, wo sie noch Zeit hatten nachzudenken. Aber ich weiß nicht, wo sie ist. Und ich weiß nicht, ob es sie je gab.“ (Kieślowski)

~Weihnachtsskala~

Familientauglichkeit: 5 (man merkt wie brüchig Familien doch sind)
Einsamkeits-Faktor: 10 (hier kämpft jeder allein)
Schnee-Anteil: 10 (der meiste Schnee liegt im Inneren der Figuren)
Besinnlichkeits-Faktor: 7 (nach diesem Film besinnt man sich auf jeden Fall)

Eine Rezension von Martin S.
(12. Dezember 2009)
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Daten zum Film
Dekalog 3 Polen 1990
(Dekalog, tzry)
Regie Krzysztof Kieslowski Drehbuch Krzysztof Kieślowski, Krzysztof Piesiewicz
Produktion Ryszard Chutkowski Kamera Piotr Sobociński
Darsteller Daniel Olbrychski, Maria Pakulnis, Joanna Szczepkowska
Länge 56 min. FSK
Filmmusik Zbigniew Preisner
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