(USA, 1981)
„Bad neighborhood… you don´t walk around here at night.”
Es ist ja irgendwie ein Witz. Seit Rudolph Giuliani in New York Bürgermeister war, ist Manhatten sauberer als jedes Medizinlabor oder eine Parfümerie in Bloomingdale´s. In John Carpenters Zukunftsalbtraum ist die Prunk- und Protzabteilung des Big Apple ein großes Gefängnis mit drei Millionen Sträflingen, die alle lebenslänglich aufgebrummt bekommen haben. Mitte der Siebziger, kurz nach dem Watergate-Skandal, wollte noch kein Studio eine Geschichte mit so einem Szenario verfilmen – doch es war keine Spinnerei. Der Regisseur dachte nur konsequent zu Ende, was in dieser Zeit nicht weit her geholt schien. 1981 hatte er dann genug Einfluss, um sich endlich ans Drehen zu machen. Das Ergebnis war eine schaurige Dystopie, visuell noch heute beeindruckend und beklemmend.
Schon in den 70ern war die ‚Hauptstadt des Universums’ das Symbol für Großstadtkriminalität schlechthin. Auch, oder gerade im Film. Gangs auf den Straßen, brennende Mülltonnen, Graffiti an den schönen Wänden. Wer nachts U-Bahn fährt, hat besser den schwarzen Gürtel. „A helluva town” (NEWSWEEK). Das war sie im Grunde schon immer, nicht umsonst diente sie 1939 als soziologisches und visuelles Vorbild für Gotham City aus den Batman-Comics.
In dieser Zeit verband sich dieser Topos vortrefflich mit einem zweiten Konzept, das vom zeitgenössischen US-Kino genüsslich gemolken wurde: das Verbrechen als Systemkrankheit, als Virus in einer Welt, in der die moralische Ordnung wieder hergestellt werden muss. Zwei Paradebeispiele: die
Dirty Harry-Filme mit dem grimmigen Ein-Mann-Kommando Clint Eastwood, und Michael Winners
Death Wish (
Ein Mann sieht rot, 1974) mit dem Termintaor im Anzug, Charles Bronson (plus unzählige weitere Filme, in denen Bronson genau dasselbe machte, nämlich rot sehen und Wumme auspacken). Sie zeichnen ein recht tendenziöses Bild des US-Exekutive, gefesselt und geknebelt von einem verweichlichten Liberalismus, der das Gesindel am Ende eh laufen lässt. Da braucht es einen aufrechten Cop oder einen aufrechten Bürger, der das Gesetz selbst in die Hand nimmt. (Ich weiß, es klingt immer sehr abgedroschen, archaische Verhaltensmuster der Pionierszeit aufbrechen zu sehen. Aber leider haben Gemeinplätze meistens einen kleinen, wahren Kern.)
In Walter Hills
The Warriors (1979) sah der Zuschauer nur noch Gangs, die sich auf den nächtlichen, einsamen Straßen duellieren. Eine Parallelgesellschaft, die unter und neben der normalen Gesellschaft lebt, kämpft, leidet.
Carpenter wiederum dachte bis zum Schluss und übertrieb nur ein bisschen, und seine Idee entsprach im Großen und Ganzen dem Image dieser Stadt. Er hatte mit
Halloween (1978) und
The Fog – Nebel des Grauens (1980) stilbildende Genreklassiker vorgelegt, wurde als neuer Hitchcock gefeiert. Er galt als Meister des Spannungsfilms und als Virtuose der stilvollen, lakonischen Reduktion. Keine Szene, kein Dialog zu viel. Selten verlassen seine Filme nennenswert die 90 Minuten-Schallmauer. (Und sein mit 112 Minuten längster Film,
Starman von 1984, ist eine Schnulze.)
Mit
Escape from New York (
Die Klapperschlange, 1981) kehrte er aus dem Horrorland wieder ins Actionmilieu zurück, das er mit
Assult on Precinct 13 (
Assult – Anschlag bei Nacht, 1976) vorübergehend verlassen hatte. Kurt Russel spielt den ehemaligen Elitesoldaten und Sträfling ‚Snake’ Plissken, der mit recht unsauberen Mitteln dazu gezwungen wird, den amerikanischen Präsidenten (Donald Pleasence) zu retten. Dessen Flugzeug ist über Manhattan abgeschossen worden, die mächtigste Manhattan-Gang hält ihn als Geisel.
In der Gefängnisstadt des damals fiktiven Jahres 1997 haben sich die lebenslänglich Verurteilten eine eigene Gesellschaft erschaffen, in die kein Arm des Gesetzes vordringt. Sie werden sich selbst überlassen. Plissken soll den Präsidenten und eine Kassette mit wichtigen Informationen zur Kernfusion in Sicherheit bringen. Der Erfolg seines Auftrages ist an sein eigenes Überleben gebunden, der Polizeichef Bob Hauk (Lee Van Cleef) hat ihn in der Hand, und Snake ist ordentlich sauer: „When I come back, I´m going to kill you!“
Snake landet mit einem Segelflugzeug auf dem World Trade Center (!) und kämpft seinen Weg durch ein verwildertes Outland. Er trifft dabei den kauzigen Taxifahrer Cabbie (Ernest Borgnine), die Pistolenbraut Maggie (Adrienne Barbeu) und den ‚Brain’ (Harry Dean Stanton), der in den Überresten der New York Libary residiert. Snakes Widersacher, der selbstherrliche Bandenchef Duke wird gegeben von dem großartigen (und 2008 leider gen Himmel gefahrenen) Sänger Isaac Hayes, dem lüsternen Zuhälter des Funk. Geniale Wahl.
Am Ende rettet Snake den Präsidenten, doch der Mann entpuppt sich als ausgemachter 'unlikeable character' („God save me!”). Plissken regelt es auf seine Art.
Escape from New York ist, rein formal, durchaus ein Actionfilm. Und viele Plakate sprechen eine ähnliche Sprache: Kurt Russel mit Augenklappe und Fluppe im Maul, eine überdimensionale Knarre wie ein Phallus. Doch so was kann täuschen. Carpenters 7 Millionen Dollar teuere Produktion (für ihn damals Rekord!) ist vor allem eine Odyssee, wie sie beklemmender und gespenstischer nicht hätte eingefangen werden können.
Die Geschichte ist dabei fast nebensächlich. Selten war ein Plot in einem Carpenter-Film nebensächlicher als hier. Dass er heute noch als Klassiker gilt, ist vor allem der legendären Glanzleistung von Produktionsdesigner Joe Alves zu verdanken. Er entwarf eine schaurige Geisterstadt, in der die Symbolwelt des urbanen Molochs überspitzt, mitunter von seinen Bewohnern neu angeordnet wird. Die verfallenen Gebäude, die Mülltonnen, das Graffiti an den Wänden, der Dreck, die marodierenden Banden. Dazwischen ein paar schräge Vögel, die mehr durch Pech hier gelandet sind, die sich irgendwie in dieser Hölle einrichten, Kulturrituale aufrecht erhalten so gut es geht. (Man denke an die morbide Theaterszene.) Das alles errichtet auf den Ruinen der einst so stolzen Stadt, in der es nicht Tag werden will. Nicht eine einzige Szene spielt bei Tageslicht.
Es gibt noch etliche andere Szenen, die an sich unspektakulär sind, in diesem Rahmen jedoch eine ganz eigene Atmosphäre entwickeln. Der Flug über die Stadt und die Landung auf dem verlassen World Trade Center, dem Symbol amerikanischer Prosperität schlechthin. Der Wind heult durch die Ritzen. Oder wenn die ‚Crazies’ aus ihren Löchern kriechen.
Die Musik hat Carpenter wieder selbst zusammen mit Alan Howarth komponiert und eingespielt. Seine schön-schaurigen Synthie-Scores erkennt man unter Tausenden. Eine bessere musikalische Begleitung durch dieses kafkaeske Kuriositätenkabinett kann es nicht geben. Kaum auszudenken, ein Soundtrack-Ralph Siegel wie Jerry Goldsmith hätte sich darum gekümmert.
Die Stadtverwaltung New Yorks war mitnichten entsetzt, als Carpenter diesen Film genau in der Stadt drehen wollte, die er so arg beutelte. Sie ließen sogar zum ersten Mal ein Team auf Liberty Island drehen. Konnte man überhaupt noch zwischen Realität und Fiktion unterschieden? Andere Szenen wurden in St. Louis gedreht, weil dort laut Carpenter „so viele Bezirke verlassen und tot aussehen“. Ausrufezeichen.
Kurt Russel spielt stoisch und routiniert die Rolle des grimmigen Anti-Helden wider Willen. Noch zerknirschter als Mel Gibson, der im selben Jahr in George Millers
The Road Warrior (
Mad Max 2) Furore machte. Da schwingt noch viel vom Pessimismus der gerade ausgeklungenen New Hollywood-Ära mit, in der Strahlemannhelden keinen Platz hatten. Es ist schon eine Ironie (und bei Carpenter vielleicht kein Zufall), dass es sich um Anti-Utopien handelte, die soziale Zusammenbrüche und Menschen portraitieren, die auf den darwinistischen Überlebenskampf zurückgeworfen werden. Gerade in den USA war das aktuell, denn da regierte nun Ronald Reagan – und dessen Politik bedeutete für die ärmeren Schichten wenig anderes als genau dies.
Am Ende ist
Escape from New York doch noch mal ein Actionfilm. (Denn: kein guter Actionfilm ohne wüstentrockene Dialoge.) Wenn Snake Bob Hauk gegenübersteht, mit dem er ja eigentlich den Boden wischen wollte:
Hauk:
„Wollten Sie mich nicht umbringen?“
Snake [ohne das Gesicht zu verziehen]:
„Ich bin zu müde. Vielleicht später.“