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Sumpf der lebenden Toten

Sumpf der lebenden Toten

Ein Film von J. A. Laser (= Jean Rollin)

Der Horror! Der Horror!! Was hätten der Ehrenwerte Ef und meine Wenigkeit nicht gestern alles schauen können: den vielversprechenden CANNIBAL WOMEN IN THE AVOCADO JUNGLE OF DEATH zum Beispiel. Oder den mexikanischen Krawallfilm THE CURIOUS DR. HUMPP. Aber zu unserem Unglück lag auch noch SUMPF DER LEBENDEN TOTEN herum, der im Englischen schlichtweg ZOMBIES' LAKE heißt, und bei dem es um Nazizombies geht.

"Nazizombies"! Allein das Wort ließ alle Alternativen verblassen! Welch unglaublich abgründige Auseinandersetzung mit dem nicht zur Ruhe kommenden Nationalsozialismus versprach uns dieser Film, beziehungsweise meine Zusammenfassung: "Da geht es um Nazisoldaten, die aus einem See wieder aufstehen". Wir haben sie uns tollkühn angesehen, und ich habe zuvor sicherheitshalber die Fenster geschlossen, um bei meinen Nachbarn nicht den Verdacht der etwaigen Wiederbetätigung aufkeimen zu lassen.

Letztere Maßnahme war natürlich völlig übertrieben: Der SUMPF DER LEBENDEN TOTEN ist so aufregend wie ein Sack Mehl. Drei Publizistikstudenten mit Pfandflaschenbudget und Jörg Zimmermann in allen Hauptrollen würden einen besseren, kompetenter inszenierten Film auf die Beine stellen können. Jede Bibliotheksaufsicht ist spannender als dieser Zombieangriff. Und auch wenn der folgende Satz als Empfehlung mißverstanden werden könnte, muß er doch aufrichtig ausgesprochen
werden: Wir haben schon lange nicht mehr so viel Spaß beim Filmschauen gehabt.

Der Vorspann läßt uns wissen, daß offenbar auch die Macher des Films seinen Qualitäten eher skeptisch gegenüberstanden: Regisseur Jean Rollin nennt sich forsch "J.A. Laser", Drehbuchautor und Vollzeiterotomane Jess Franco tritt als "A.L. Mariaux" auf, und selbst die Schauspieler verbergen sich teilweise hinter schwungvollen Pseudonymen wie "Robert Foster". Eventuell ging man aber auch davon aus, daß kein Mensch die Credits lesen würde, weil sich während des Vorspanns eine Frau im Wald nackt auszieht.

Die nette Nackte schwimmt dann ein wenig im See, und mit beinahe gynäkologisch anmutenden Unterwasseraufnahmen sehen wir die Gute plantschen. Daß die Unterwasseraufnahmen in einem Swimmingpool gedreht wurden und daher teilweise Lichter, eine Poolwand oder sogar ein Hinweisschild im Bild zu sehen sind, findet freilich kaum Beachtung, weil sich eine mobile Wasserleiche flugs an der guten Frau zu schaffen macht. "Vorsicht Nazi!", rufe ich noch, aber es ist natürlich zu spät.

Sumpf der lebenden TotenSumpf der lebenden TotenSumpf der lebenden Toten
Im Ort sorgen sich derweil der Bürgermeister und ein pfeiferauchender Bewohner um den Verbleib der Frau. Der Bürgermeister zieht in Erwägung, die Polizei einzuschalten. Ein paar Schnitte später liegt der See auf einmal nicht mehr im Wald, sondern direkt am Stadtrand, und ein gewaltlüsterner Nazizombie steigt aus dem Wasser und kaut an einer vorbeilaufenden Bäuerin herum. Daß ihr Hals keine Bißspuren aufweist, sondern nur rote Farbe, verliert an Relevanz, weil man vorher schon gesehen hat, wie dem Zombie die grüne Farbe abblättert. Daß das giftig-grüne Zombie-Makeup nur bis zum Kinn geht und den Hals nicht mit abdeckt, monieren freilich nur blockbusterverwöhnte Kinogänger, die keine Ahnung von den Schwierigkeiten unterbudgetierter B-Filmereien haben.

Nun tragen drei vom Tod der Frau eher unbeeindruckte Bürger ihre Leiche durch die Stadt und legen sie dem Bürgermeister vor die Tür. Der Film könnte sich jetzt zu einem Höhepunkt aufschwingen, wenn der Bürgermeister sagen würde: "Oh nein, schon wieder ein Opfer der Nazizombies". Lange Zeit läßt uns sein steinern-müder Gesichtausdruck und die prinzipielle Qualität der filmischen Vorgänge auch glauben, daß er diesen Satz jetzt von sich geben wird, aber er grübelt nur ein wenig, daß merkwürdige Dinge vor sich gehen.

Eine Reporterin taucht im Dorf auf und will das Geheimnis des Sees lüften, obwohl bislang ja nur wir Zuseher wußten, daß es da überhaupt eines gibt. Der Mann mit der Pfeife schickt die rasende Reporterin zum Schloß, in dem der Bürgermeister jetzt auf einmal wohnt, und dort sehen wir nicht nur einen Kameramann im Spiegel, sondern erfahren von dem netten Herren auch in langwierigen Sequenzen die Geschichte des Sees. Also: Es war einmal der Krieg. Und da waren Soldaten. Die haben mal geschossen, mal nackte Frauen im Heu vernascht. Letztere Sequenz dauert übrigens sehr, sehr lange, und es stellt sich die Frage, woher der Bürgermeister diese Information überhaupt hat. Nur neun Monate später jedenfalls ist ein Kind da, und ein deutscher Soldat, den wir aus offensichtlichen Gründen einfach "den blonden Hans" genannt haben, schaut sich wortlos das Kind, dann seine Frau an und zieht dann wieder in den Krieg. Recht bald wird die Nazieinheit von der französischen Resistance erschossen (beziehungsweise: die Soldaten brechen einfach zusammen, obwohl überhaupt keine Art von Schußverletzung gezeigt wird) und in den See geworfen. Dort gehen die deutschen Soldaten dann unter wie die Steine, obwohl sie gar nicht beschwert wurden: Das Problem des Nationalsozialismus wiegt eben an und für sich schon sehr schwer.

Sumpf der lebenden TotenSumpf der lebenden TotenSumpf der lebenden Toten
Ab sofort wird die Handlung ein wenig konfus. Ein rein weibliches Volleyball-Team fährt im VW-Bus zum See, zieht sich dort kollektiv aus und wird ebenso gemeinschaftlich von den Nazizombies verspeist. Nur eine nackte Frau kann entkommen und berichtet im Dorf von den Ungeheurlichkeiten, woraufhin der Bürgermeister endlich die Polizei anruft. Die schickt zwei Inspektoren, die im Dorf sofort blöd angeredet werden und die einzige Augenzeugin selbstverständlich nicht mit einer einzigen Silbe verhören, sondern stattdessen selber zum See herausfahren, wo sie ebenfalls von den Nazis zerkaut werden. Die Nazizombies bewegen sich zwar sehr langsam und steif, aber sie tauchen dafür einfach immer dann auf, wenn gerade jemand mit dem Rücken zum See steht. Der Nationalsozialismus fordert seine Opfer.

Jetzt laufen die Nazizombies ins Dorf! Jetzt ist auf einmal Tag! Die Nazizombies laufen wieder in den See! Die Bürger bewaffnen sich! Eine nackte Frau wird von einem Nazizombie verspeist! Es ist auf einmal wieder Nacht! Der blonde Hans besucht seine mittlerweile zehnjährige Tochter und schenkt ihr einen Umhänger! Jetzt ist auf einmal wieder Tag, oder Nacht, oder sonstwas, und die Bürger schießen ein wenig auf die unbeeindruckten Zombies, aber dann kommt ein Schnitt, es ist wieder Tag, oder Nacht, oder wasauchimmer, und die Zombies sind wieder im See. Starthilfe für angehende Drehbuchautoren: Die Seiten nummerieren.

Glücklicherweise sind alle Figuren im Film ständig komplett unbeeindruckt und haben exakt einen Gesichtsausdruck auf Lager ("Wann kriege ich meinen Scheck?"). Daß ständig wer stirbt oder gefressen wird, kratzt eigentlich niemanden so recht, und irgendwann raufen sogar die Zombies untereinander, weil der blonde Hans seine Tochter beschützen will. Wenn ich "raufen" sage, meine ich natürlich "langsames Herumwälzen am Waldboden unter rapidem Tag-/Nacht-Wechsel". Wahrscheinlich fühlen sich die anderen Zombies vernachlässigt, und finden, daß Hans zu wenig Zeit mit seinen Kumpels verbringt und seiner Arbeit nicht mehr ernsthaft nachgeht. Richtig niedlich dann das Bild, als Töchterchen mit Hans an der Hand an der Stadtmauer entlanggeht: Als würde Hans mitkommen zu einem dieser "Was arbeitet mein Papa"-Tage in der Schule. "Ich bin Hans. Ich bin Nazizombie und fresse Menschen".

Irgendwann hat die Reporterin eine Idee, die sie dem Bürgermeister auch prompt unterbreitet: "Napalm". Der Mann mit der Pfeife, von dem ich irgendwie geglaubt hatte, er sei bei dem nächtlichen Zombieangriff ums Leben gekommen, weist darauf hin, daß ohnehin ein Flammenwerfer zur Verfügung stehe, und so wird die randalierende Nazimeute dann einfach abgefackelt. Also, genaugenommen sieht man ein paar Sparflammen an den Klamotten, aber wir wissen ja, was gemeint ist.

Es mag natürlich sein, daß es bislang noch nicht deutlich gesagt wurde, weswegen wir noch kurz dezidiert darauf hinweisen müssen: Der Film ist nicht gut. Die Schauspieler sind absolute Trantüten, die Effekte sind lachhaft, die Kontinuität ist dermaßen abhanden gekommen, daß wir in einer Einstellung nackte Frauen bis zu den Knien im Wasser stehen sehen und dann in einer Unterwassereinstellung metertiefes Gewässer vorgesetzt bekommen. Der Energielevel des Ganzen ist ungefähr vergleichbar mit dem von Rudolf Scharping, den man um drei Uhr nachts aus der Narkose geweckt hat. Alleine steht man den Schund nie im Leben durch.

Fans der Nazizombies dürfen sich freuen: Jess Franco, der hier ursprünglich auch Regie führen sollte, hat kurz darauf seine eigene Variante des Themas inszeniert. Natürlich bei gleichbleibendem Niveau. Der Verdacht drängt sich auf: Vielleicht gibt es gar keine guten Filme über Nazizombies.

Eine Rezension von Christian Genzel
(13. Juni 2007)
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Daten zum Film
Sumpf der lebenden Toten Frankreich/Spanien 1981
(Le lac des morts vivants)
Regie J. A. Laser (= Jean Rollin) Drehbuch Julius Valery (= Julián Esteban), A.L. Mariaux (= Jess Franco)
Produktion Eurociné
Darsteller Howard Vernon, Youri Rad (= Youri Radionow), Pierre-Marie Escourrou, Nadine Pascal, Anouchka, Robert Foster
Länge 71 FSK
Filmmusik Daniel White
Kommentare zu dieser Kritik
Anj TEAM sagte am 13.06.2007 um 22:52 Uhr

Mannomann, wo treibst du nur immer diese wahnsinnig vielfältigen Glanzstücke des Filmfachhandels auf? Leider erwähnst du in deiner Rezension nicht, dass die Handlung gar nicht so doll schlüssig ist, wie man erwartet. Denn sollten Nazizombies nicht eigentlich die dunkelhäutigen Gastarbeiter de Dorfes fressen anstatt sich an nackte Frauen heranzupirschen? Die handeln ja praktisch völlig gegen ihr Überzeugung!
Aber nagut, ich finde, wenn das nicht wäre und all die andere 2-3 Problemchen, die du erwähnst, ist der Film doch bestimmt sehr ansprechend. Du solltest da nicht so verbissen sein. Gib solchen Experimentalprojekten doch auch mal eine Chance!
schwarzygesetzlos sagte am 14.06.2007 um 13:37 Uhr

Ich bin vollkommen einverstanden mit dem Review. Allerdings birgt es die große Gefahr, dass es sich einfach zu gut liest und man so auf die Idee kommen könnte den Film doch zu schauen. Das wär natürlich grundfalsch!

Da ist es schon gut, das du das explizit erwähnst "Und auch wenn der folgende Satz als Empfehlung mißverstanden werden könnte, muß er doch aufrichtig ausgesprochen werden: Wir haben schon lange nicht mehr so viel Spaß beim Filmschauen gehabt."

Und der Teil "Jetzt laufen die Nazizombies ins Dorf! Jetzt ist auf einmal Tag! Die Nazizombies laufen wieder in den See! Die Bürger bewaffnen sich! Eine nackte Frau wird von einem Nazizombie verspeist! Es ist auf einmal wieder Nacht! Der blonde Hans besucht seine mittlerweile zehnjährige Tochter und schenkt ihr einen Umhänger! [...]" beschreibt die Handlung ja wirklich excellent und detailgetreu! Mehr gibts da eigentlich nicht zu sagen.
Damocles TEAM sagte am 14.06.2007 um 14:36 Uhr

Wenn man die Kritik zu Road Trip kritisiert, sollte man auch hier dazu schreiben, dass der Inhalt im breitesten Spektrum ausgewälzt wird.

Was man dem Film jedoch nicht ankreiden sollte ist die nicht vorhandene Spannung. Bzw. man kann ihm das natürlich ankreiden, aber man sollte nicht darauf herum reiten. Jean Rollin inszeniert nunmal nicht unbedingt spannende Filme sondern ist ein Meister der gepflegten Langeweile. Ihm geht es eben mehr um traumartige Atmosphäre, nicht um einen ausgefeilten Spannungsbogen.

Ob der Film wirklich so schlecht ist, kann ich allerdings nicht sagen, da ich ihn nicht kenne.
clark_nova sagte am 14.06.2007 um 14:58 Uhr

@damocles: was christian da schreibt, ist ja nicht nur reine inhaltsangabe, er erwähnt ja auch dauernd, wie mangelhaft das ganze umgesetzt ist. und eine so bescheuerte handlung ist eben auch kritikpunkt. ausserdem warst du derjenige, der bei eurotrip die inhaltsangabe bemängelt hat...du wirst aber sicher eine inhaltszusammenfassung von einer kommentiereten nacherzählung unterscheiden können. und den film hast, wie du selbst sagst, nicht gesehen, also würde ich mal sagen, du kannst wenig darüber sagen, was man bemängeln kann und was nicht. entspann dich ein wenig.
schlaubi TEAM sagte am 14.06.2007 um 14:59 Uhr

Hä? Also, da wir keine Review von "Road Trip" haben, nehme ich an du meinst "Euro Trip". Das Problem bei "Euro Trip" war ja, dass außer der Inhaltsangabe fast nix in der Review steht. Das wurde von mehreren kritisiert. Natürlich muss der Inhalt erklärt werden. Das könnte man ja dann an allen Filmreviews hier kritisieren. Abgesehen davon wird hier kritisch auf die Handlung und die filmische Umsetzung eingegangen, was bei "Euro Trip" ja fehlt. Und wenn du das Teil nicht gesehen hast, woher willst du wissen, dass dem Meister der traumartigen Atmosphäre in dem Fall wirklich nur ein fader Film gelungen ist?
Shikantaza sagte am 31.03.2009 um 21:07 Uhr

sehr schönes und lustiges review.......das lesen ist äußerst unterhaltsam, hat in mir aber keineswegs den wunsch geweckt, den besprochenen film anzuschauen, da ich davon ausgehe, mich anderthalb stunden zu langweilen :o)

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