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Julia

Julia

Ein Film von Erick Zonca

Würden auf den Academy Awards aka der Oscar-Verleihung Filme geehrt, die ihre Geschichte frei von den gängigen Klischees erzählen (wie um die Sympathie des Zuschauers bangende Protagonisten, linearer Storyaufbau und entlohnendes Happy-End), dabei das Verhalten der Charaktere so zeigen wie sie auch in der Realität handeln würden und das Leben so abbilden wie man es sich aus Erzählungen von Freunden und Bekannten oder Zeitungsberichten vorstellen kann (ganz ohne offensichtlich strukturierten Plot und künstlich aufgesetzter Dramaturgie), so ginge Eric Zonca’s "Julia" sicherlich als der Abräumer des Jahres hervor.
Zonca setzt seine Protagonistin, gespielt von Tilda Swinton, Strapazen aus, die zugleich bizarr, widersprüchlich und äußerst ernüchternd sind – in einem derart hohen Realismusgrad und von so krassen Gegensätzen gezeichnet, wie sie nur das wahre Leben bereit hält.

Tilda Swinton, die letztes Jahr einen Oscar für ihre Nebenrolle in "Michael Clayton" erhalten hatte, und zuvor ihr schauspielerisches Können in "Broken Flowers", "Adaption" und "Vanilla Sky" zum Besten geben konnte, spielt hier eine Frau am Tiefpunkt ihres Lebens.
Innerhalb der ersten 20 Minuten wird man Zeuge wie Julia Harris schrittweise einer tragischen, unausweichlichen Bruchlandung entgegensteuert. Die ledige Frau um die 40 hat schon seit langem d
ie Kontrolle über ihr Leben verloren und frönt in ihrer Resignation einem hedonistischen Dasein, in dem sie von einem berauschten Abend, voller ausschweifendem Trinken, Tanzen und Affären, in den nächsten hineinlebt. Ihre jeder Versuchung und Zerstreuung hingebende Art hat zur Folge, dass sie regelmäßig neben fremden Männern aufwacht, an deren Gesichter sie sich nicht einmal erinnern kann, dass sie von den exzessiv konsumierten Suchtmittel (Zigaretten und Alkohol) längst abhängig geworden ist und durch die Unfähigkeit, einen geordneten Tagesablauf zu organisieren, schließlich auch ihren Job verliert. Ihr einziger Freund in der Stadt (bei der es sich um L.A. handeln könnte) ist zugleich auch ihr Arbeitskollege und Liebhaber Mitch (Saul Rubineks Antlitz kommt einem aus der heutigen Medienlandschaft sehr vertraut vor, zumal er an unzähligen Fernseh- und kleineren Kinofilmproduktionen beteiligt war). Mitch hat es zu großem Reichtum gebracht. Seine Villa, exquisite Kleidung und arrogantes, überhebliches Benehmen gegenüber seinem Umfeld weisen exorbitant sein Vermögen aus. Ein guter und einfühlsamer Freund ist er jedenfalls nicht, da er Julia zu keinem Zeitpunkt eine Hilfe ist, obwohl er in ihrem Leben immer präsent zu sein scheint. Diese Umwelteinflüsse und –erfahrungen haben Julia schließlich auch zu dem gemacht wie sie in ihren Mitte-40er wirkt: Julia ist äußerst egozentrisch – die Menschen um sie herum und deren Probleme interessieren sie mittlerweile nicht mehr –, höchst opportunistisch, wenn sich ihr eine Möglichkeit bietet, ihre Lage zu verbessern, und im Umgang ordinär, vulgär, ungehobelt und dominant. Julias Primärziel in ihrem Dasein ist es, ihre sich türmende Probleme auf eine erträgliche Menge zu reduzieren, um sich überhaupt noch über Wasser halten zu können. Dies ist umso schwieriger, da sich alle ihre Freunde von ihr abgewendet haben oder sie im selben Maße ausnutzen wie Julia es mit ihnen gemacht hat, sie sich vor Schulden nicht mehr retten kann und sich immer mehr von der Außenwelt abschottet.
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Eines Tages jedoch spricht sie eine junge, etwas naiv wirkende Frau, Elena an (Kate de Castillo – ihrer Filmrolle entsprechend selbst gebürtige Mexikanerin), die Julia aus den Meetings für anonyme Alkoholiker kennt, hält mit ihr small-talk und stellt sich dabei überraschenderweise als Julias Nachbarin heraus, was Julia, die sich eigentlich nur auf eine Zigarette aus dem Tagungsraum heraus stehlen wollte, nicht einen Deut interessiert. Elena hat jedoch ein Problem – neben den üblichen Umständen, mit denen jeder zweite Bewohner L.A.‘s offenbar zu kämpfen scheint (eben solche Alltagsumstände wie Alkoholabusus und neurotischer Autodestruktivismus): sie will ihren 8-Jährigen Sohn aus der Vormundschaft von dessen Großvater befreien und mit ihm in die Heimat, nach Mexiko, fliehen. Da sie dies nicht auf rechtlichem Wege erreichen kann, entschließt sie sich zu einem Kidnapping. Und Julia soll ihr dabei helfen. Nach anfänglichem Widerstand stimmt Julia, deren Probleme ihr immer mehr über den Kopf zu wachsen drohen, mit der Aussicht auf 50.000 Dollar Belohnung dann doch zu und trifft die nötigen Arrangements (Bewaffnung, Maskierung und genaue Planung der Entführung).
Doch alles läuft ganz anders als geplant. Elenas Versprechen auf das viele Geld stellt sich am Vorabend des Kidnappings als haltlos heraus, ihr Plan als löchrig und unprofessionell und sie selbst als Komplizin unfähig und als Psychopathin im fortgeschrittenen Stadium, die durch die Entführung ihres Sohnes ihrem verkorksten Leben noch ein wenig Sinn und Inhalt geben möchte: als sorgenvolle Mutter den kleinen Tom aufzuziehen (sehr überzeugend und authentisch gespielt von dem ziemlich unbekannten Aidan Gould).
Julia ist außer sich vor Wut – wurde sie doch tatsächlich erneut reingelegt und ausgenutzt – beschließt aber den Coup nun alleine durchzuziehen, den Jungen auf eigene Faust zu entführen, den reichen Großvater zu erpressen und die eigentliche Schuld auf die verwirrte Mutter des Kleinen zu schieben. Für Julia erscheint diese Entführung als letzte Möglichkeit, um ihrem hoffnungslosen Dasein als verschuldete, geächtete und arbeitslose Frau zu entkommen und einen Neuanfang anzutreten. Deswegen nimmt sie sich vor, ihren Plan bis ins letzte Detail sorgfältig durchzustrukturieren, jede Eventualität einzurechnen, und stellt sich selbst darauf ein, das Vorhaben mit der erforderlichen Konsequenz und Kaltblütigkeit auszuführen.
Doch die Serie der Pannen nimmt nicht ab und hält Julia auf irrsinigem Trab. So verschwindet die leibliche Mutter von Tom und damit auch der Sündenbock des Coups spurlos, die Maskierung vor Tom wird immer schwieriger, der Großvater ist kaum bereit mit ihr zu verhandeln und schon bald hat die Polizei ihren cleveren Plan durchschaut, ihre Identität aufgelöst und hängt sich dicht an ihre Fersen. Das Vorhaben wird zu einer aufreibenden Zerreisprobe für Julias Nerven und verlangt von ihr permanente Improvisation auf ihrer Flucht nach Mexiko. Schließlich tritt auch das ein, was keinem Entführer passieren darf – die Geisel wird von anderen, organisierten Kleinganoven gekidnappt und Julia selbst auf eine Lösesumme erpresst. Nur hat die gehievte Frau noch selbst kein Geld bekommen und kann Tom deswegen auch nicht freikaufen. Diese Situation scheint nun wahrlich keinen guten Ausgang zu nehmen…

Zonca inszeniert seinen Film sehr unspektakulär, verzichtet fast gänzlich auf klassische dramaturgische Mittel wie z.B. musikalische Untermalung der dramatischen Ereignisse und gewährt dem Film damit eine eigenständige Entwicklung und subtilen Charme, was heutzutage sehr selten im Kino zu sehen ist. "Julia" lebt von der Authentizität und Glaubwürdigkeit der sehr gut gespielten Hauptdarstellerin. Dabei ist die Schottin Tilda Swinton auch der Drehangelpunkt der Handlung. Swinton nimmt einem schier den Atem mit ihrem intensiven Spiel (Method Acting par excellence), da sie sich selbst auch keine Grenzen setzt und keine Hemmungen zeigt, ihre Figur körperlich und seelisch zu erfüllen. Zu Beginn hat der Film einen sehr deprimierenden Ton und Swinton überzeugt als sozial verarmte, stumpfe, desillusionierte Egoistin, die sich langsam schon abgefunden hat, dass ihr Leben keinen Sinn mehr hat. Man ist als Zuschauer von der Tristheit und Schamlosigkeit, die Swinton an den Tag legt zutiefst pikiert und selbst die Nacktszenen der hübschen Protagonistin beklemmen einen, da hier die Kamera unverhohlen drauf hält und die Schauspielerin sich nicht bemüht irgendetwas zu verbergen. Eine Szene, als Julia nach Hause kommt und ihr Kleid abstreift, so dass man die Blöße ihrer Rückseite zu sehen bekommt, erinnert sehr stark an Nicole Kidmans Entkleidung in Stanley Kubricks "Eyes Wide Shut". Jedoch ist Erick Zonca dabei nichts ferner als seine Protagonistin ästhetisch in Szene zu setzen, vielmehr scheint der französische Filmemacher sein Publikum zynisch von den Sehgewohnheiten des Hollywood-Kinos befreien zu wollen.
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Mit der Fortdauer des eigentlich recht langen Films, über 2 Stunden Spielfilmlänge, verändert sich auch der Gesamtton. Swinton macht eine schleichende Wandlung durch von einer hoffnungslosem Egomanin zu einer vorsichtigen Entführerin mit festem Ziel vor Augen, bis sie sogar eine latente humane Einstellung zu der jungen Geisel entwickelt und Ansätze von einer Mutter-Kind-Beziehung zeigt. Dieser Wandel lässt sich jedoch im vorhinein nicht erahnen, da Swinton ihren Charakter nicht radikal umstellt. Sie bleibt den ganzen Film auch weiterhin ihren Grundeigenschaften treu: unverbesserlich rüde, verlogen und ordinär, außer dass sie unter der harten Schale mit der Zeit Gefühle hervor scheinen lässt. Der Lohn dieser bemühten Performance und der langsamen, jedoch nicht langatmigen, Charakterentwicklung ist, dass man als Zuschauer trotz innerlichen Kontroversen und Ekel vor der sozialen Einstellung des Charakter doch eine Nähe zu der Protagonistin aufbaut und damit jede ihrer Rückschläge auch selbst emotional zu verarbeiten hat. "Julia" wird aber zu keinem Zeitpunkt sentimental, einfach weil hier das Timing stimmt und der Film schließlich in seiner Beklemmung und Thrill einen immer größeren Sog entwickelt. Die Ausgangsbasis ist ein Sozialdrama mit starker psychischer Kontemplation in den Hauptcharakter; dieses wandelt sich in seinem Charakter zu einer bewegenden, realistischen Kidnapping-Geschichte alá Clint Eastwoods "Perfect World" und kulminiert schließlich in einem aufreibenden Psycho-Thriller von der Art wie "Breakdown" (in dem Kurt Russel als verzweifelter Ehemann seine von einem Trucker entführte Gattin sucht).

Der Zuschauer kann dieser Tour de Force jedenfalls nicht entkommen und macht eine leidensvolle Filmerfahrung, die besonders zu Beginn einem keine Möglichkeit bietet auf Distanz zur Tragödie der Hauptdarstellerin zu gehen. Kinematographisch ist Erick Zoncas Film überraschend unauffällig, obwohl die Kamera sehr professionell und effektiv eingesetzt wird. Tilda Swinton ist die Seele des Films und übermalt mit Bravour die stellenweise evident werdenden Schwächen der restlichen, wenig profilierten Besetzung. Oft ist der Film brutal – nicht durch ausufernde Gewalt, sondern durch den Nihilismusgrad und die Kälte Swintons gegenüber ihrer Umwelt, insbesondere der jüngeren Geisel. Dadurch wird aber auch ziemlich gut vor Augen geführt wir brutal und traumatisch eine Entführung sein kann und es in der Realität meist auch ist – und damit erst kaum vorstellbar die Pein, wenn einem trotz der überstandenen Strapazen keine Entlohnung in Form einer harmonische Auflösung geboten wird.
Unter diesen Aspekten sticht diese belgisch-französisch-mexikanische Produktion mit amerikanischen und mexikanischen Schauspielern unter den Filmen seiner Zeit krass hervor und kann nur wärmstens empfohlen werden. Weniger für Zuschauer mit der Intention sich zu unterhalten, als vielmehr endlich mal wirklich gute schauspielerische Leistungen und eine glaubhafte Geschichte auf der Großleinwand zu sehen oder vielmehr noch mit allen Sinnen zu erfahren.
Für "Julia" wurde kaum Werbung gemacht, vermutlich weil er ziemlich massenuntauglich ist, und somit bleibt dieser Film auch zu großem Bedauern kaum beachtet. Es ist einer solchen Filme, die man noch wie früher durch persönliche Empfehlung in Form von Mundpropaganda ans Herz gelegt bekommt und am Schluss überrascht ist, welch einen intensiven Film man sehen durfte. Also, unbedingt anschauen!

Eine Rezension von Eduard Beitinger
(03. Juli 2008)
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Daten zum Film
Julia Belgien, Frankreich, Mexiko 2008
(Julia)
Regie Erick Zonca Drehbuch Erick Zonca
Produktion Les Productions Bagheera, The 7th Floor Kamera Yorick Le Saux
Darsteller Tilda Swinton, Aidan Gould, Saul Rubinek, Horacio Garcia Rojas, Kate del Castillo, Bruno Bichir, Roger Cudney
Länge 138 min. FSK ab 12
Filmmusik Elise Luguern
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