Kaum ein zweiter Regisseur hat sich mit seinen Filmen einen derart kontroversen Ruf erarbeitet wie David Lynch. Der eigenwillige Amerikaner setzt sich mit beinahe jedem seiner Projekte das Ziel, ins menschliche Unterbewusstsein vorzudringen und unbekannte seelische Abgründe zu erforschen. Allerdings verzichtet der Filmemacher dabei sehr häufig auf nähere Erläuterungen des Gezeigten und überlässt dem Publikum die Interpretation. Die einen verteufeln Lynch für diese Art des Erzählens, die anderen vergöttern ihn geradezu und verlieren sich bereitwillig in den labyrinthischen Welten seiner Werke. Der 1997 erschienene, paranoide Psychothriller- Albtraum “Lost Highway” zeigt auf sehr eindringliche und intensive Weise die Fähigkeit des Mannes aus Montana, absurde Szenarien zu entwerfen und uns damit in einen fesselnden Sog hineinzuziehen. Doch Vorsicht: Otto Normalverbraucher, der mit dem Lynch- Universum bisher noch nicht näher in Berührung gekommen ist, wird sich womöglich übel vor den Kopf gestoßen fühlen- denn leichte Kost ist “Lost Highway” definitiv nicht. Der Film ist eine extravagante Herausforderung, die den Zuschauer dazu zwingt, die bizarren Puzzleteile selbst zu einem befriedigenden Gesamtbild zusammenzufügen…
Zunächst erscheint die Story noch durchschaubar: Wir machen die Bekanntschaft des Jazzmusikers Fred Madison (Bill Pullman), der seine Ehefrau Renee (Patricia Arquette) verdächtigt, eine Affäre mit einem fremden Playboy zu haben. Eines Tages findet das Paar vor seiner Haustür seltsame Videobotschaften vor, die Innenaufnahmen ihrer Wohnung beinhalten. Fred wird zunehmend misstrauisch, doch seine Gattin kann sich laut eigenem Bekunden ebenso wenig erklären, von wem die Bänder stammen. Als auf einem der Videos zu sehen ist, wie Fred Renee ermordet, wird der Ahnungslose, der sich keiner Schuld bewusst ist, ins Gefängnis gesteckt und zum Tode verurteilt.
Nun aber geschieht das Unfassbare: Am nächsten Morgen, als die Wärter in der Zelle des Gefangenen nach dem Rechten sehen wollen, befindet sich nicht mehr der vermeintliche Mörder Fred, sondern der junge Automechaniker Pete (Balthazar Getty) darin. Der Mann kann sich an nichts erinnern, wird aber aufgrund fehlender Indizien gegen ihn freigesprochen und in die Freiheit entlassen. Draußen beginnt Pete eine folgenschwere Romanze mit der Gangsterbraut Alice (auch Patricia Arquette), die der toten Renee zum Verwechseln ähnlich sieht…
Das klingt total verrückt? Ist es auch! Doch wer Filme wie “Blue Velvet” oder “Mulholland Drive” kennt, der weiß, dass David Lynch nichts von leicht verständlichen Storylines hält. Der Kult- Regisseur, der für exquisites Kopfkino abseits vom sonst Üblichen steht und selbst Kinomuffeln und Couchpotatoes durch seine langjährige Mystery- TV- Serie “Twin Peaks” ein Begriff ist, legt seinen ungewöhnlichen Stil auch in “Lost Highway” nicht ab. Nach der unangenehm unter die Haut kriechenden, in dunklen Bildern eingefangenen Anfangsphase entfesselt Lynch vom überraschenden Twist an, der nach einer guten Dreiviertelstunde Einzug hält, ein hypnotisches, morbides Verwirrspiel, das sich den Regeln des menschlichen Verstandes widersetzt und den Zuschauer auf eine harte Probe stellt. Nicht nur, dass Lynch mit seinen meisterlich komponierten, nicht selten kunstvoll ins Schwarze abgeblendeten Sequenzen und der kraftvoll- irritierenden Sprache der Bilder eine konstant bedrohliche und angsteinflößende Atmosphäre schafft. Das Drehbuch (David Lynch schrieb es in Kooperation mit Barry Gifford) verwickelt sich mit fortschreitender Laufdauer immer mehr in ein kaum überschaubares, chaotisches Handlungsgeflecht, das nur unter der Bedingung funktionieren kann, wenn man bereit ist zu akzeptieren, dass das Rätsel keine endgültige und eindeutige Lösung birgt. Es gibt lediglich vereinzelte Theorieansätze, mit denen man dem Film beikommen kann- dazu muss man jedoch Geduld und Konzentration mitbringen und sich den Streifen möglicherweise auch mehrmals anschauen.
Was hat es beispielsweise mit dem geheimnisvollen kleinen Mann (Robert Blake) mit dem kreidebleichen Gesicht auf sich, der sich offenbar an mehreren Orten gleichzeitig aufhalten kann? Viel ist über die Interpretation dieser Figur spekuliert worden. Ist dieser Mann Freds bzw. Petes zweites Ich? Handelt es sich bei der Gestalt möglicherweise um den Leibhaftigen in Person, der dem verbitterten, mit sich und seinem Leben unzufriedenen Fred eine Art faustischen Pakt vorschlägt und ihm nach dem Mord an seiner Frau eine zweite Chance gibt, sein Leben in den Griff zu kriegen? Oder ist die Figur lediglich eine Halluzination Freds, die nur in der Fantasie seiner gestörten Psyche existiert? Möglicherweise appelliert Lynch an dieser Stelle an den Zuschauer, seine eigene Fantasie einzusetzen. Vordergründig geht es dem Regisseur um die Wirkung, die der albtraumhafte Trip auf sein Publikum ausübt. Der Hintergrund dürfte- je nach persönlicher Betrachtungsweise- bei jedem variieren. Eins steht fest: Wie man auch immer zu dieser ungewöhnlichen, sich von jeder logischen Definition freisprechenden Erzähltechnik, die für Lynch so typisch ist, stehen mag, so beherrscht er sie doch so kongenial wie kein anderer.
Zum Effekt des Films steuern auch die musikalischen Elemente Maßgebliches bei. Am sonderbarsten wirkt wohl die Entscheidung, für den Soundtrack die deutsche Hardrock- Band “Rammstein” zu verwenden. Doch letztendlich muss man Lynch in Anbetracht des Gesamtbildes bescheinigen, die richtige Wahl getroffen zu haben. Sein Gespür für außergewöhnliche und wirkungsvolle Musikuntermalung ist verblüffend. So auch im Falle des US- Bürgerschrecks und Schockrockers Marilyn Manson, der mit seinen heftig donnernden Klanggewittern “I put a spell on you” und “Apple of Sodom” nicht nur seinen musikalischen Senf zum Film gibt, sondern auch selbst in einer winzigen Nebenrolle als Darsteller zu sehen ist. Man muss aber schon genau hinschauen, um den werten Mr. Brian Warner (so der bürgerliche Name Mansons) zu erkennen. Auf dramaturgischer Seite streut Lynch unterdessen wieder eine Reihe subtiler Hinweise und Metaphern aus, deren Bedeutung eine nicht unwesentliche Rolle bei der Entschlüsselung des Rätsels spielen dürfte.
Wie in seinem späteren Meisterwerk
Mulholland Drive - Straße der Finsternis operiert David Lynch in “Lost Highway” mit multiplen Persönlichkeiten und besetzt Doppelrollen. Betreffenden Part übernimmt hier Patricia Arquette, die sowohl Renee als auch Alice mimt. Dass es sich hier um ein und dieselbe Person handelt, ist dabei lediglich auf dem Papier klar. Denn Renee ist brünett und eine Musikergattin, während Alice blond ist und die Geliebte eines gefährlichen Gangsters. Die minimalen, aber dennoch ausschlaggebenden äußerlichen Unterschiede verleihen beiden Frauen völlig verschiedene Ausstrahlungen. Als Alice wirkt Arquette sogar ein bisschen wie ihr Callgirl Alabama aus Tony Scotts “True Romance”- und das nicht nur deshalb, weil sich sich des Öfteren sehr freizügig gibt. Schauspielerisch läuft diese Doppelrolle jedenfalls auf hohem Niveau ab. Der offensichtlich unter Verfolgungswahn leidende Hauptcharakter wird abwechselnd von Bill Pullman und Balthazar Getty gespielt, die in ihren getrennten Szenen jeweils brillieren. Ein Wiedersehen gibt es auch mit Robert Loggia, dem Drogenbaron aus Brian de Palmas
Scarface, der hier erneut einen skrupellosen und sadistischen Mafioso spielt und für diese Rolle wie geboren scheint.
Um “Lost Highway” gänzlich ohne Vorbehalte genießen zu können, sollte man schon ein Verständnis für experimentelle Filmkunst vorzuweisen haben. Denn David Lynchs schizophrener Wahnsinns- Ritt jenseits aller Vorstellungskraft ist durchaus gewöhnungsbedürftig und ein klarer Fall von hate it or love it. Zeigt man sich aber offen für solche extremen Spielchen und setzt sich dem verwirrenden Bildersturm aus, wird man augenblicklich in einen Strudel aus verstörender Faszination hinabgezogen, der einen nicht mehr loslässt. Und auch wenn das unablässige Nörgeln von Lynchs erklärten Kritikern noch so laut ertönt, wäre alles andere als die Höchstwertung für diese filmische Schocktherapie an dieser Stelle einfach zu wenig…