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The Game

The Game

Ein Film von David Fincher

"Well, what do you get for a man who has everything?"

Diese Frage stellt Conrad (Sean Penn) nur scheinbar rhetorisch, als er seinem Bruder Nicholas Van Orton (Michael Douglas) die Karte von CRS zum Geburtstag ├╝berreicht.
Die Frage wird nochmal gestellt, als Nicholas sich die Firma ansieht und genaueres wissen will. Die Frageb├Âgen, die er ausf├╝llen soll, mit Fragen wie "F├╝hlen Sie sich schuldig, wenn Sie masturbieren?" machen ihn misstrauisch.
"We provide whatever is lacking", sagt man ihm. Er stellt die Gegenfrage: "And what if nothing is lacking?"
Die Antwort: Man gibt ihm nichts, man nimmt ihm. Seine Kontrolle.
Conrad hatte es und schw├Ąrmt davon, es sei das Beste, was ihm je im Leben passiert ist. Nicholas wei├č dieses Geschw├Ątz seit der "family week in rehab" einzuordnen, als voreilige Euphorie eines Junkies, der sich eh nur in manisch-depressiven Extremen bewegt. Ganz anders als er selbst. Dass diese "Erfahrung" aber eher eine radikale Entw├Âhnung ist, eine Art kalter Entzug, wei├č er nicht. Da wird The Game zum Vorl├Ąufer von Saw, das ja auch nach dem Prinzip der Weihnachtsgeschichte funktioniert: Nimm ihnen, was f├╝r sie selbstverst├Ąndlich ist und lass sie erkennen, wie degeneriert sie sind. In Saw2 ├╝bernimmt auch eines der ehemaligen Opfer aus Dankbarkeit die Arbeit des sterbenden B├Âsewichts des ersten Teils, genau wie Conrad nach seiner eig
enen "Erfahrung" zum Kollaborateur, zum Vermittler wird.
Die Firma, die diese profunde Erfahrung anbietet, ist fast schon ein Klassiker des postmodernen amerikanischen Kinos Ende der 90er. Nach den von Charlie Kaufman erdachten Firmen, die schmerzhafte Erinnerungen l├Âschen (Vergissmeinnicht) oder einen Weg in das Hirn von John Malkovich anbieten (Being John Malkovich), macht diese noch mehr den Eindruck eines zwar sehr neuen, aber doch nach ganz logischen, zeitgem├Ą├čen Prinzipien des Kapitalismus organisierten Unternehmens, das gerade in ein Stockwerk eines stadtbekannten Hochhauses eingezogen ist, als Van Orton dort aufkreuzt. Im Vorzimmer installiert ein Handwerker auf einer Leiter sogar noch die Deckenbeleuchtung. K├╝hler, steriler als die Kaufman-Firmen, denen die Skurrilit├Ąt schon des angestrebten Tons wegen immanent war, und damit sowohl passend zu Van Ortons eigentlicher Welt, als auch zu seinem Verdacht, sein Bruder sei irgendeinem l├Ącherlichem "life-improvement cult" auf den Leim gegangen. Die Empfangsdame k├Ânnte so, wie sie sich gibt, in der Tat sowohl f├╝r ihn als auch f├╝r Scientology arbeiten. Nicholas van Orton wird gewisserma├čen mit seinen eigenen Waffen geschlagen.
The Game ist auch eine postmoderne Variation zu den unschuldig Verfolgten Hitchcocks. Dieser hier hat unterschrieben. Und auf eine gewisse Weise hat er es verdient. Es ist, auch wenn Fincher keinen Gordon Gecko II haben wollte, doch ein bisschen so, als w├╝rde man Gordon Gecko, dem Erzkapitalisten mit dem Eidechsengrinsen aus Oliver Stones Wall Street, f├╝r den Michael Douglas 1987 den Hauptdarsteller-Oscar erhielt, St├╝ck f├╝r St├╝ck seine Kontrolle nehmen. Die Schadenfreude, einen Big Shot langsam zerfallen zu sehen, ist hier auch Teil des Spiels, das Fincher mit dem Zuschauer spielt.

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Eine andere Rolle, an die Douglas sp├Ąter unweigerlich erinnert, ist die in Joel Schumachers Falling Down. Als er einen Stra├čenr├Ąuber, von denen es in Chinatown nur so wimmeln muss, m├╝hsam beherrscht, mit der Pistole im Anschlag darauf hinweist, dass er jetzt gerade "extremely fragile" sei, sieht man das Glitzern des anst├Ąndigen B├╝rgers, dessen Grenzen ├╝berschritten sind, in seinen Augen.
Eine weitere Pointe ist, dass dieser Nicholas Van Orton, der sich den Luxus g├Ânnt, sich um niemanden zu k├╝mmern, auch als das Spiel beginnt und zuerst kleine unvorhergesehene Ereignisse seinen Marschplan durcheinander bringen, hinter allem, was in seiner Umgebung passiert, ganz der Egozentriker, Teile des Spiels sieht. Selbst der Stadtstreicher, der vor seinen Augen bewusstlos zusammenbricht, blau anl├Ąuft und sich in die Hose macht, kann in seiner Welt nur Teil des Spiels sein. Die Menschen um ihn herum sind nur eine klar begrenzte Funktion in seiner Welt, nur Roboter, die ihren Zweck erf├╝llen, ob der nun im Zubereiten seines Abendessens oder dem Versch├╝tten von Eistee auf seinem Hemd oder nervigen Geburtstagsgl├╝ckw├╝nschen besteht, und dann aus der Welt verschwinden. Keiner von ihnen w├╝rde sein Leben tangieren, wenn er nicht irgendwann einmal auf einer entsprechenden gepunkteten Linie unterzeichnet h├Ątte.
Die darauf aufbauende Pointe ist nat├╝rlich, dass in der Tat alle Teile des Spiels sind. The Game ist auch ein Erbe der Paranoia-Thriller der 70er, wie auch Staatsfeind Nummer 1, nur perfider. In dem Ma├če, in dem Van Orton an die Wahrhaftigkeit der Ereignisse zu glauben beginnt, verwickelt er sich immer mehr in dem Spiel.
Es ist wie in all diesen Thrillern, die man schon kennt, aber es ist eben nur ein Spiel, auch wenn Van Orton sich irgendwann in der Mitte des Films doch davon ├╝berzeugen l├Ąsst, dass es trotzdem lebensgef├Ąhrlich ist. Die Dinge, die Van Orton zusto├čen, sind nicht mehr an einen "nachvollziehbaren" Grund gekn├╝pft. Wenn bei Hitchcock jemand von allwissenden, namenlosen Organisationen mit scheinbar unendlichen Ressourcen verfolgt wurde, dann hatte man eine Ahnung, dass sie damit ein Ziel verfolgen. Hier ist der Zusammenhang zwischen Mitteln und Zweck beinahe aufgehoben.
Die Verschw├Ârung, mit der man angeblich an Van Ortons Geld kommen will, ist nur eine falsche F├Ąhrte. F├╝r Van Orton und f├╝r den Zuschauer. Dumm nur, dass er immerhin gut genug funktioniert, um das leicht gelangweilte Gef├╝hl zu wecken, das alles schonmal gesehen und geh├Ârt zu haben. Auch wenn das alles zu der Schlusspointe geh├Ârt, die eben ganz ausdr├╝cklich Sehgewohnheiten und Genre-Stereotypen mit einbezieht: ungef├Ąhr ein Drittel des Films ist nicht wirklich so spannend, wie es sein m├Âchte.

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Am Ende ist das verzweifelte Gest├Ąndnis Christines (Deborah Unger), der Frau mit den scheinbar ewig wechselnden Loyalit├Ąten einer Bond-Antagonistin, die Van Orton durch das Spiel lotst, sowohl die Wahrheit als auch der letzte Teil des Spiels. Und da kommt dann nochmal Fahrt in Finchers Konstrukt. Die Wahrheit ist genauso Teil des Spieles wie die L├╝gen. Es geht um die Manipulation des Spielers. Sie scheint wirklich geschockt, man glaubt ihr, dass seine von zuhause mitgebrachte Waffe nicht im Spiel vorgesehen war, und er erschie├čt ungewollt seinen Bruder, der tats├Ąchlich, wie sie gesagt hat, mit Champagner auf ihn wartet, um ihm ins Gesicht zu lachen und das Spiel auf seinem ÔÇô vermeintlichen - H├Âhepunkt zu beenden. Direkt daneben der Schauspieler, den Van Orton gerade eben noch tot zu Boden hat fallen sehen, was ihn kurz zuvor endlich umso mehr davon ├╝berzeugte, dass es eben kein Spiel ist. An dieser Stelle k├Ânnte man Fincher vielleicht am meisten glauben und auf das Spiel, das er mit dem Zuschauer spielt, hereinfallen. Wenn das letzte Drittel einen davon ├╝berzeugt hat, dass es Unbescholtener B├╝rger gegen Geheimnisvolle Organisation hei├čt, scheint der Showdown auf dem Hochhausdach mit dem gro├čen Missverst├Ąndnis und der Wahrheit, die dann doch ans Licht kommt, passend, weil es so viele Genrevertreter dann doch schon so gemacht haben. Ist man geneigt zu glauben, dass The Game doch nur ein einfacher Thriller ist, der sich den Genrekonventionen am Ende doch beugt? Es ist wie beim Poker immer die Frage, wie weit der Zuschauer mitzugehen bereit ist, bevor er an die Genre-Vorgaben glaubt und wie lange der Film zu bluffen bereit ist, um den Zuschauer zu ├╝berbieten. Dass sein Bruder erschossen wird, ist gerade noch so eben Teil des Spiels. Es ist der Zwang - in sich schon so postmodern wie nur etwas - das ewige Spiel des "Ich wei├č dass du wei├čt dass ich wei├č dass du wei├čt..." noch ein R├Ądchen weiter zu drehen. Wir haben alle schon ein paar Filme gesehen, auf alles fallen wir nicht rein.
Bleibt die Frage, wie oft man die Versuche der ├ťberbietung ansehen kann, ohne das allein schon dieser Ansatz eines Filmes seine relative Bedeutungslosigkeit vermuten l├Ąsst. Gegen die er dann auch noch anspielen muss, weil wir die ersten Drehungen an dem Rad schlie├člich schon kennen, schon als obligatorisch in unsere Erwartungen eingliedern, und nur die, die das bisherige ├╝berbieten, noch von Interesse sind. Das Ende dieses Spiels ist v├Âllige Abstumpfung.
So zeigt sich erst im tats├Ąchlichen Ende selbst, dass The Game (nicht nur) aus heutiger Sicht auch als Satire gelesen werden k├Ânnte. Nicht so sehr auf Weglauf-Thriller, sondern auf das ├Âffentliche Gest├Ąndnis, in Vergangenheit wie Zukunft. Im Jahre sp├Ąter gedrehten Nicht auflegen wird der Yuppie gezwungen, an einer Stra├čenkreuzung in New York seine Fehler und L├╝gen rauszubr├╝llen, sie vor einer zuf├Ąlligen Versammlung von geschworenen Passanten zu gestehen. In The Game wartet eine vor Luxus ├╝berlaufende Abendgesellschaft darauf, dass einer der Ihren endlich bereit ist, sich in den Tod zu st├╝rzen, um ihm dann ein T-Shirt mit einem frechen Spruch zu ├╝berreichen - das Age of Irony hat noch f├╝r alles einen Spruch gefunden, der auf ein Shirt passt. Sie verk├╝nden, selbstzufrieden den Champagner schwenkend, man h├Ątte etwas tun m├╝ssen, weil er - ja, nur er, scheinbar keiner sonst in diesem Raum - im Begriff war, ein Riesenarschloch zu werden. Den Weinkrampf des gel├Ąuterten Selbstmordkandidaten applaudiert man mit g├Ânnerhaft-ger├╝hrtem L├Ącheln weg und geht in die Feierroutine ├╝ber. Welch nette Idee, ein bisschen Schwung in diese sonst so schrecklich langweiligen Parties zu bringen! Auch der Gel├Ąuterte selbst sieht es ein, besinnt sich auf die traditionellen Aufgaben des guten Menschen, f├╝r die er sich vorher, als Riesenarschloch, keine Zeit gestattete und ergattert auf den letzten Dr├╝cker ein Rendezvous mit Christine.
Fr├╝her waren das, was er durchgemacht hat, noch ernsthafte Schwierigkeiten, heute kann man es als selbstreflexiven Abenteuerurlaub buchen. F├╝r alles gibt es ein T-Shirt, und alles ist eine Gesch├Ąftsidee, die schon jemand anderes zu Ende gedacht hat: Willkommen am Ende des 20 Jahrhunderts.

Eine Rezension von Paul Hellermann
(13. November 2008)
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Daten zum Film
The Game USA 1997
Regie David Fincher Drehbuch John D. Brancato & Michael Ferris
Produktion John D. Brancato, Cean Chaffin, Michael Ferris, Steve Golin, Jonathan Mostow Kamera Harris Savides
Darsteller Michael Douglas, Sean Penn, Deborah Kara Unger, James Rebhorn
Länge 128 FSK 12
Kommentare zu dieser Kritik
Nervkind sagte am 24.08.2010 um 04:27 Uhr

Bevor ich mir den film angesehn habe lese ich mir eigentlich erst einmal Kritiken um mir f├╝r schlechte Filme verschwendete zeit zu ersparen. Gut ,dass ich es in diesem Fall nicht getan habe! Ich finde zwar, dass dies eine gute Kritik ist und teile die Ansichten ├╝ber den Film im gro├čen und ganzen, jedoch wird sehr viel gespoilert, was dem schon sehr berechenbaren Film das letzte bisschen Spannung genommen h├Ątte.
mfG

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