Acht Männer sitzen in einem Café und bereiten sich auf ihren viel versprechenden “Job” vor: Sie wollen einen Juwelenladen ausrauben. Noch plaudern die Gangster über den Sinn und Unsinn von Trinkgeldern und über Madonnas “Like A Virgin”, bevor sie den Laden verlassen und in Zeitlupe- ganz in Schwarz gekleidet- über die Straßen schlendern- fest entschlossen, ihr Ding durchzuziehen…
So beginnt “Reservoir Dogs”, Quentin Tarantinos Regiedebüt, mit dem der ehemalige Videothekenangestellte aus Knoxville, Tennessee, zum ersten Mal aufhorchen ließ. Sein Film, ein zunächst wenig beachteter Independent- Thriller, sollte sich erst im Laufe der Jahre- auch durch den Erfolg von
Pulp Fiction- zum echten Renner entwickeln. Eine Tatsache, die durchaus nachvollziehbar ist, da Tarantinos innovativer Stil in bezug auf Dramaturgie, Inszenierung und Filmsprache doch ganz bewusst den Regeln des klassischen Mainstream- Kinos widerstrebte, was zur Folge hatte, dass nicht jedermann auf Anhieb etwas mit “Reservoir Dogs” anfangen konnte. Doch auch wenn dieser häufig unterschätzte Geniestreich nur eine Art Warmlaufprozess für Tarantino bedeutete, der ihm die Metamorphose vom Experten- Geheimtipp zum gefragten Top- Regisseur erst ermöglichte, beherrschte er schon hier sein Handwerk mit traumwandlerischer Perfektion…
Nach der Café- Sequenz stellt Tarantino seine (Anti-) Helden erste einmal vor. Sie haben Decknamen, die ihnen ihr Auftraggeber Joe Cabot (Lawrence Tierney) gegeben hat: Mr. White (Harvey Keitel), Mr. Blonde (Michael Madsen), Mr. Pink (Steve Buscemi), Mr. Blue (Eddie Bunker), Mr. Orange (Tim Roth), Mr. Brown (Quentin Tarantino) und Nice Guy Eddie (Chris Penn). Ihre kriminelle Vergangenheit qualifiziert sie für den Job. Allerdings verhindert ihre Erfahrung auch nicht, dass der Coup katastrophal schief läuft und in eine blutige Straßenschießerei mündet, bei der einer der Gangster draufgeht, ein anderer spurlos verschwindet. Mr. White kann zusammen mit dem Schwerverletzten Mr. Orange in eine karg ausgestattete Lagerhalle fliehen. Von dort aus beraten sie, was nun weiter geschehen soll. Schnell ist den Gaunern klar, dass sich unter ihnen ein Spitzel befinden muss, der den Rest der Gruppe an die Polizei verraten hat. Es entbrennen Diskussionen darüber, wer das denn nun sein könnte und wie man sich jetzt aus der Sache rausziehen kann- die Nerven der Überlebenden liegen blank…
“…and I don`t want any talk about yourself personally. That includes where vou been, your wife`s name, where you might have done time, about a bank you robbed in St. Petersburg…”
(Joe Cabot mahnt seine Gangstertruppe)
“Reservoir Dogs” könnte als klassisches `heist movie´ durchgehen, doch schon die inhaltliche Struktur der Geschichte ist zu verschachtelt, als dass man sie in diese Schublade stecken könnte. Bereits wie Tarantino den Plot nach dem Eröffnungstitel fortführt, überrascht! Der (missglückte) Coup wird gar nicht gezeigt, stattdessen ist die Szenerie zeitlich nach dem Scheitern des Juwelenraubs angesiedelt: Mr. Orange liegt schwer blutend auf dem Rücksitz eines Fluchtautos und wird von seinem Komplizen Mr. White durch die Straßen kutschiert. Dieser versucht immer wieder, den in Lebensgefahr schwebenden Verletzten, der Angst davor hat, zu verbluten, zu beschwichtigen. Die Durchführung des “Jobs”, die zu dem Massaker geführt hat, wird erst viel später in detaillierten Rückblenden beleuchtet.
Auch die Identität des Spitzels, der den Gangstern in die Suppe gespuckt hat, ist relativ schnell klar. Doch Tarantino legt eben keinen Wert auf ein herkömmliches “Who done it?”- Kriminalrätsel, lieber befasst er sich mit den Umständen der Einschleusung des Verräters in den Gangsterclan. Dies und die Nominierung der sechs restlichen Gang- Mitglieder durch den grimmigen Cabot (übrigens in höchst amüsanter Haudegen- Manier von Lawrence Tierney gespielt) wird in zusätzlichen Flashbacks behandelt, die Tarantino kunstvoll in den Fluss der Haupthandlung integriert.
Die dichte Atmosphäre konzentriert sich in dem maroden Lagerhaus, in dem die Handlungen der Beteiligten in der Gegenwart gezeigt werden. Der cholerische Mr. White (Harvey Keitel), der trotz seiner aufbrausenden Art der einzige zu sein scheint, der noch halbwegs klar denken kann, der schüchterne Mr. Orange oder der mit seinem Namen unzufriedene Mr. Pink (Cabot zu ihm: “Sei froh, dass du nicht Mr. Yellow heißt”), der sich gerne ausgiebig mit seinen Kollegen kabbelt- sei es um das Trinkgeld oder um andere Dinge. Das entscheidende Zünglein an der Waage in der aufgeheizten Stimmung unter den noch lebenden Gangstern ist der zynische Mr. Blonde (genial: Michael Madsen), der in einer Schlüsselszene des Films einen entführten Polizisten, den er am Stuhl gefesselt hat, um Informationen aus ihm rauszupressen (später kristallisiert sich immer mehr heraus, dass es ihm vordergründig um den Spaß an der Freude ging- doch da hat er schon einen schwerwiegenden Fehler zu viel begangen), zu den Klängen von “Stuck in the Middle with you” foltert. Diese zugegeben nicht leicht bekömmliche Sequenz ließ erwartungsgemäß wieder mal die versammelte Schar der Moralapostel aus ihren Löchern kommen, die der Szene Gewaltverherrlichung attestieren wollten, dabei aber wohl übersahen, dass Tarantino beim eigentlichen Höhepunkt der Folter- nämlich das Abschneiden des Ohrs des Cops- mit der Kamera zur Seite schwenkte und die Grausamkeit den Köpfen der Zuschauer überließ. Ein Regisseur, dem es ernsthaft um die Verherrlichung von Gewalt gegangen wäre, hätte wohl eher voll mit der Linse draufgehalten. In diesem Zusammenhang sei noch erwähnt, dass “Reservoir Dogs” bis heute noch keine TV- Ausstrahlung bekommen hat, was doch sehr verwundert, da kein nahe liegender Grund dafür besteht.
Quentin Tarantino, so viel ist sicher, ist einer der wichtigsten und begabtesten Regisseure unserer Zeit. Sein ausgesprochen scharfer Sinn für kultverdächtige Dialoge, markante Charaktere, grandios getimte Popkultur- Zitate und umwerfende Soundtracks ist legendär. Tarantino findet für seine Werke stets den richtigen Rhythmus und krönt jeden seiner Filme mit einer unglaublich lässigen und stilsicheren Inszenierung. All dies gilt auch für “Reservoir Dogs”. Auch wenn es noch zwei weitere Jahre dauern sollte, bis der Kino- Exzentriker mit seinem Meisterwerk “Pulp Fiction” unwiderruflich in den Regie- Olymp aufstieg, so war es doch sein 1992 gedrehtes, furioses Low Budget- Kleinod, mit dem sich Tarantino erst für höhere Aufgaben empfahl. Bleibt lediglich die Frage: Was legt das Filmemacher- Genie mit seinem diesjährigen Kriegsdrama “Inglourious Basterds” vor?- wir sind jetzt schon gespannt…