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Pulp Fiction

Pulp Fiction

Ein Film von Quentin Tarantino

Es klingt wie ein Film: Ein kleiner Junge, der schon sehr früh seine Liebe für`s Kino entdeckt, in seiner Jugend in Videotheken jobbt und sich von morgens bis abends Filme anschaut, steigt zu einem der einflussreichsten Filmemacher aller Zeiten auf. Die Rede ist natürlich von keinem Geringeren als Quentin Tarantino. Mit 29 Jahren dreht der Kultregisseur sein Leinwanddebüt: Reservoir Dogs heißt der Streifen um sechs Gangster, die einen Juwelenraub planen, aber durch Verrat aus den eigenen Reihen ausgebremst werden. Kaum war dieser Streifen im Kino, rissen sich die Darsteller in Hollywood förmlich darum, Bestandteil von Tarantinos nächstem Film zu sein. Zwei Jahre später war es soweit: “Pulp Fiction” stürmte das Zelluloid, ein revolutionärer Gangsterfilm, voll gestopft mit genialen Dialogen und kultigen Charakteren, ausgestattet mit einer Coolness, die in der Filmgeschichte ihresgleichen sucht und dazu mit einem asynchronen Erzählstil, der sich konsequent gegen die in Hollywood üblichen dramaturgischen Konventionen stellt.

Pulp FictionPulp FictionPulp Fiction
Die Story entfaltet sich im episodenartigen Stil. Tarantino, der das Drehbuch zusammen mit seinem Kumpel Roger Avary schrieb, erzählt mehrere Geschichten gleichzeitig und lässt diese am Ende auf homogene Art und Weise zusammenlaufen. Da wäre zum Beispiel das Kleinkriminellen- Pärchen Pumpkin (Tim Roth) und Honey Bunny (Amanda Plummer), welches das Szenario eröffnet. Allein schon diese rund vierminütige Konversation der beiden Schmalspurganoven in einem Schnellimbiss, wo sie einen Raubüberfall planen, sollte als Beweis für den spritzigen Witz des Skripts reichen. Abrupt bricht diese Sequenz ab und es folgt zunächst der musikalisch druckvoll untermalte Vorspann. Danach führt Tarantino die beiden Hitmen Jules (Samuel L. Jackson) und Vincent (John Travolta) ins Geschehen ein, die für ihren Boss Marsellus Wallace (Ving Rhames) einen schwarzen Aktenkoffer in einer Dachwohnung abholen sollen. Dieses Unternehmen gestaltet sich jedoch schwieriger als gedacht und endet in einem blutigen Massaker. Zwischendrin machen wir Bekanntschaft mit Marsellus` Frau Mia (Uma Thurman), die von Vincent im Auftrag seines Bosses in ein funky Tanzlokal mit Namen “Jack Rabbit Slim`s” eingeladen wird. Doch auch das Rendez- vous der beiden hat eine mittelschwere Katastrophe zur Folge. Weiter geht es mit dem Boxer Butch Coolidge (Bruce Willis), der nach einem gewonnenen Kampf, den er eigentlich an Unterwelt- Boss Wallace verkauft hatte, Schwierigkeiten mit dem nun sehr zornigen schwarzen Gangster bekommt. Zu allem Überfluss verschlampt Butch`s Freundin (Maria de Medeiros) bei der Flucht auch noch seine goldene Uhr, die er ehemals von einem Kriegskamerad (Christopher Walken) seines Vaters überreicht bekam…

Diese Handlungsfäden laufen am Ende elegant und schlüssig zusammen und ergeben schließlich das Gesamtbild “Pulp Fiction”. Revolutionär war in dieser Hinsicht die Art und Weise, wie Tarantino das Ganze konstruierte. Beinahe unverschämt stilsicher und ohne jegliche Mühe spielt er mit verschiedenen Zeitebenen, ohne aus dem Gleichgewicht zu kommen. Sicher ist diese Technik nicht beispiellos in der Geschichte des Films, doch keiner scheint sie so perfekt zu beherrschen wie der Mann aus Knoxville. Doch das ist nicht der einzige Trumpf des rund acht Millionen Dollar teuren Meisterwerks. Die Dialoge des Films sind das Wirklich Beispiellose an “Pulp Fiction”. Wie in der populären Lyrik etwa eines Elmore Leonard verbindet Tarantino schroffen, rauen Gangsterjargon mit klugem Witz und intelligenten Zwischentönen. Das Timing der clever- lässigen Pointen und des ganz speziellen, grotesk- schwarzen Humors ist wahrlich einzigartig. Hinzu kommt der lakonisch- abgebrühte Einsatz von Gewalt- seit Tarantino und “Pulp Fiction” kann man über brutale Gangster lachen, die auf ihren Killer- Streifzügen über Gott und die Welt philosophieren und immer einen lockeren Spruch zu den bedeutenden Themen auf den Lippen haben. Jules zum Beispiel, gespielt von Samuel L. Jackson, zitiert mit Vorliebe Bibelstellen, allen voran Ezekiel 25,17:

Der Pfad der Gerechten ist auf beiden Seiten gesäumt mit Freveleien der Selbstsüchtigen und der Tyrannei böser Männer. Gesegnet sei der, der im Namen der Barmherzigkeit und des guten Willens die Schwachen durch das Tal der Dunkelheit geleitet. Denn er ist der Hüter seines Bruders und der Retter der verlorenen Kinder. Und ich will große Rachetaten an denen vollführen, die da versuchen, meine Brüder zu vergiften und zu vernichten und mit Grimm werde ich sie strafen, auf dass sie erfahren sollen, ich sei der Herr, wenn ich meine Rache an ihnen vollstreckt habe!

Eingeprägt haben sich noch eine Reihe weiterer Szenen des Films. Legendär ist natürlich die ausschweifende Burger- Diskussion von Travolta und Jackson im Auto und ihr Wortwechsel über die Tücken des “metrischen Systems”. Eine Sequenz, die exemplarisch für den Film steht. Hier wird über im Grunde belanglose Dinge gesprochen, doch solche Szenen taugen eben nicht dazu, einem konventionellen Thriller- Konzept zu folgen, wo der Dialog entscheidend für den Verlauf der Handlung wäre. “Pulp Fiction” wird über weite Strecken über ebenjenen Dialog erzählt und entwickelt dadurch einen selbstreferenziellen Stil, der jenseits jeder Regeln praktiziert, ja regelrecht “kultiviert”, wird. Eine meiner Lieblingsszenen ist auch das Gespräch zwischen Vincent und Mia im Jack Rabbit Slim`s, die auch den anschließenden Twist mit einschließt, den die beiden auf`s Parkett legen. Selten habe ich mich von einer Szene so unterhalten gefühlt.

Pulp FictionPulp FictionPulp Fiction
Was ebenso herausragt, ist der Soundtrack. Hier mischt Tarantino Stücke aus diversen Genres, hauptsächlich lässige Soul- und Funk- Songs oder Countrymusik, zu einem wild- bunten Cocktail zusammen. Auf der grandiosen Liedauswahl sind unter anderem Dusty Springfield mit “Son Of A Preacher Man” oder auch Maria McKee mit dem leider nur kurz angestimmten “If Love Is A Red Dress” zu hören. Die Songs unterstreichen perfekt das insgesamt sehr stimmige Ambiente und begleiten die hervorragend gezeichneten Antihelden bei ihrem rund zweieinhalbstündigen Trip, den Tarantino ebenso als Hommage an die moderne Popkultur versteht.

Der hohen Qualität des Films entsprechen auch die Schauspieler. John Travolta, der Star aus “Saturday Night Fever”, der abgehalfterte Seventies- Tänzer, bekam durch “Pulp Fiction” die Chance auf ein sensationelles Comeback. Was Travolta hier an den Tag legt, ist eine Glanzleistung, mit der er sich wieder in die erste Liga Hollywoods katapultierte und auch zurecht Oscar- nominiert wurde. Mindestens ebenso großartig fällt die Darbietung seines Kumpanen Samuel L. Jackson aus. Als philosophierender Killer mit Hang zum Fluchen ist der dunkelhäutige Mime Filmfans bis heute im Gedächtnis. Bruce Willis, dessen Auftritt im Actionkracher “Stirb langsam” seinerzeit grob überschätzt wurde, zeigt, dass er auch einen völlig anders angelegten Film wie diesen beherrscht. Seine Konfrontation mit Marsellus, welcher gen Ende vor den Augen seines Feindes zur totalen Lachnummer degradiert wird, gehört zu den lustigsten Momenten des Films. Überhaupt lebt “Pulp Fiction” von solchen absurd- bizarren Wendungen wie dieser. Der übrige Cast ist mit Stars wie Uma Thurman als drogensüchtige Gangsterbraut, Harvey Keitel als kauziger Cleaner, Christopher Walken, Rosanna Arquette, Tim Roth, Eric Stoltz oder Ving Rhames als Boss Marsellus bis in die Nebenrollen brillant besetzt. Jeder einzelne Charakter weist seine ganz eigene skurrile Persönlichkeit auf. Einen Kurzauftritt gestattet sich auch Tarantino selbst- und er macht seine Sache gar nicht mal so schlecht…

“Pulp Fiction” war erst der zweite Film eines großartigen Regisseurs, eines Trendsetters, der nicht gerade als Vielfilmer zu bezeichnen ist. Und doch schuf Quentin Tarantino mit diesem Meisterwerk einen der einflussreichsten Filme- wenn nicht sogar den einflussreichsten Film überhaupt- der 90er Jahre. Und wie man auch immer zu dem eigenwilligen Schöpfer solcher kontroversen Kino- Meilensteine wie “Kill Bill Vol. 1 & 2” stehen mag: Diese 1994 entstandene, kultige Gangster- Wundertüte, die oft kopiert, aber nie erreicht wurde, definierte einen neuen cineastischen Standard und ist unbestritten ein moderner Klassiker!

Eine Rezension von Christopher Michels
(19. Februar 2009)
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Daten zum Film
Pulp Fiction USA 1994
(Pulp Fiction)
Regie Quentin Tarantino Drehbuch Quentin Tarantino, Roger Avary
Produktion Miramax Films Kamera Andrzej Sekula
Darsteller John Travolta, Samuel L. Jackson, Bruce Willis, Uma Thurman
Länge 148 Minuten FSK ab 16
Kommentare zu dieser Kritik
Rorschach sagte am 31.08.2009 um 17:36 Uhr

Tja was soll man da noch sagen oder schreiben? Ein Meisterwerk eben...

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