Italo-Noir
Der Gangster Ugo Piazza(Gastone Moschin) kommt nach 3 Jahren aus dem Knast. Doch die neu gewonnenen Freiheit kann er nicht genießen: Denn vor den Häfn-Mauern warten schon die Männer des „Amerikaners“ auf ihn: Unter ihnen ist der brutale Rocco(Mario Adorf in einer seiner besten Rollen-herrlich wie er den total durchgeknallten Schläger verkörpert) der Ugo bezichtigt,vor seiner Inhaftierung, 300 000 Dollar unterschlagen zu haben.
Damit beginnt eine irrwitzige Fahrt in die Unterwelt von Mailand, bei der jede einzelne Person etwas zu verbergen hat und mehr ist als sie vorzugeben scheint.
Mehr will ich aber wirklich nicht von der wendungsreichen Handlung des Films preisgeben, da man wirklich bis zur letzten Minute mitfiebert.
„Milano Kaliber 9“ ist ein Film der ganz in der Tradition des Film Noir bzw. des amerikanischen Gangsterfilms steht. Hinzu kommt Fernando Di Leos offensichtliche Begeisterung für Jean-Pierre Melville(„Der eiskalte Engel“).
Doch ist „Milano Kaliber 9“ erfreulicherweise kein bloßer Abklatsch großer Klassiker, sondern bringt eine ganz eigene Note und viele witzige Ideen mit ein.
Bitterer Ernst und sadistischste Gewalt wechseln sich mit zynisch-schwarzhumorigen Dialogen ab- man ist versucht den Film geradezu tarantinesk zu nennen.
Und damit sind wir schon bei einem wichtigen Punkt: Immerhin ist Di Leos „Milano Kaliber 9“ schon 1972 entstanden und eindeutig ein großer Einfluss für Quentin Tarantino gewesen.
QT selbst hat den Film als den besten Italo-Krimi aller Zeiten bezeichnet-und wenn man sich Di Leos Genreperle ansieht, ist man versucht ihm Recht zu geben.
Die tollen Darsteller wissen ebenfalls zu gefallen: Allen voran natürlich der aus Coppolas Der Pate Teil II bekannte Gastone Moschin,sowie der oben schon erwähnte Mario Adorf.
Was aber nicht heißen soll, dass Di Leo die Nebencharaktere vernachlässigt. Man wird unweigerlich an Sergio Leone erinnert, der in seinen Filmen auch immer besonderen Wert auf die Besetzung der Nebenfiguren legte.
So trifft man in "Milano Kaliber 9" auf allerlei schrullig-seltsame Mobster wie zB (gleich zu Beginn) auf einen Kurier, der unter ständigen Zuckungen leidet.
Interessant und besonders hervozuheben sind auch die 2 ermittelnden Polizeibeamten(verkörpert von Luigi Pistilli und Frank Wolff).
Der Eine(Wolff) ist von der Gesinnung her ultra-rechts und möchte am Liebsten gleich alle Verbrecher erschießen, wohingegen Luigi Pistillis Charakter links eingestellt ist und die Kriminalität in Italien auf das Verhalten der Reichen zurückführt. Wie schon Damiano Damiani bringt Di Leo hier Politik und vermutlich auch seine eigenen Ansichten mit ins Spiel.
Dies verleiht dem Film noch eine weitere Dimension, die allerdings in der Originalfassung der Schere zum Opfer fiel!
(Koch Media hat diese selbst in der Originalfassung fehlenden Szenen jedoch auf ihr fabelhaftes Release des Films gepackt).
Als italo-typischen Eye-Candy gibts noch Euro-Schönheit Barbara Bouchet als Nutte und Freundin von Ugo, deren Charakter mit ein paar interessanten Kameraeinstellungen zu treibender Musik eingeführt wird.
Überhaupt ist die gute Bildgestaltung, der Schnitt sowie der tolle Soundtrack(der so klingt als wäre Pink Floyds David Gilmour bei Jethro Tull eingestiegen und würde unter dem wachsamen Auge von Maestro Bacalov musizieren) hervorzuheben.
Milano Kaliber ist der erste Teil der sog. Milieu-Trilogie Di Leos, die mit „Der Mafiaboss“ fortgeführt wurde und schließlich mit "Der Teufel führt Regie" ihren Abschluss fand:
Alles Filme, die sich durch nicht-"alltägliche" Gangster und viel Lokalkolorit auszeichnen.
Mehr als einmal wird man als Zuseher somit an Mike Hodges´ "Get Carter"(lief bei uns unter dem Titel "Jack rechnet ab")und "Pulp" erinnert.
Jedem Fan des italienischen Kinos und natürlich auch allen Thriller/Gangsterfilmfans kann ich diesen zu Unrecht untergegangenen Streifen somit nur wärmstens empfehlen.
Für mich persönlich ist dieser kleine,dreckige Film eine der großen Überraschungen/Entdeckungen meines Filmfan-Daseins. Insbesondere wenn man bedenkt, dass der gleiche Regisseur Filme wie „Der Triebmörder“ inszenierte.